Geboren und aufgewachsen in Arnstadt, am Rande des Thüringer Waldes, lernte Angelika Rottleb früh, was es heißt, Dinge mit den eigenen Händen entstehen zu lassen. In einem Umfeld, in dem Handwerk kein Beruf, sondern gelebter Alltag war, prägten Nadel, Faden und die Geduld ihrer Mutter und Großmutter ihren Blick auf Arbeit und Qualität. In der fünften Klasse erlebte Angelika Rottleb einen Schlüsselmoment: In einem Atelier beobachtete sie, wie Schnittmuster freihändig mit Kreide auf Stoff gezeichnet wurden. Ohne Zögern, ohne Korrekturen.
„Das will ich auch können“, dachte sie – und legte damit unbewusst den Grundstein für ihren weiteren Weg. Ihre Ausbildung zur Schneiderin verlief konsequent, wenn auch nicht geradlinig. Sie wurde gefördert, wechselte Stationen, arbeitete im Modeinstitut und später in Berlin. Früh verstand sie, dass Talent allein nicht ausreicht, sondern dass Beständigkeit und Ausdauer die Meisterschaft bringen. Dass ihr der direkte Bildungsweg verwehrt blieb, obwohl ihre Leistungen es zugelassen hätten, gehört zu den Erfahrungen, die sie bis heute begleiten.
Doch der Umweg, den sie stattdessen ging, erwies sich im Rückblick als prägend.

Mut zur eigenen Idee
Ende der 1980er-Jahre reifte ein Entschluss, der in der DDR alles andere als selbstverständlich war: die Selbstständigkeit. Angelika Rottleb wollte mehr als nur nähen oder verkaufen – sie wollte beides verbinden. Ein Ansatz, der im System nicht vorgesehen war. Es gab klare Kategorien und klare Grenzen. Sie entschied sich, diese Grenzen zu hinterfragen. Mit Beharrlichkeit suchte sie Räume, führte Gespräche, stellte Anträge – und erlebte Rückschläge. Genehmigungen wurden erteilt und wieder entzogen.
Ihr Konzept war zu ungewöhnlich. Doch sie blieb dran. 1988 erhielt sie schließlich die offizielle Erlaubnis. Zu diesem Zeitpunkt war ihre Boutique längst Realität geworden: Maschinen waren organisiert, Stoffe beschafft, erste Entwürfe umgesetzt. Auch der Name stand bereits: City Look. Ein Name, der mehr versprach als Mode.

Am nächsten Tag war alles anders
Während vom 9. auf den 10. November 1989 draußen Geschichte geschrieben wurde, saß Angelika Rottleb in ihrem Atelier und nähte bis tief in die Nacht. Am Morgen nach dem Mauerfall war alles anders.
Die Kundschaft blieb aus, die Nachfrage brach ein, die eigene Ware verlor an Wert. Der Blick richtete sich plötzlich gen Westen. „Wo ist der Anspruch geblieben?“, fragte sie sich. Und entschied dennoch, weiterzumachen. Sie sperrte ihre Boutique auf, stellte sich auf Märkte und verkaufte, was noch da war. Damit gewann sie etwas Zeit und blieb liquide. Parallel machte sie sich auf die Suche: nach neuen Wegen, neuen Lieferanten, neuen Ideen. Sie aktivierte ihr Netzwerk und schaute, was funktionierte. Einen Plan gab es nicht, sie justierte stückweise nach. „Es war Learning by doing“, erzählt sie.

Schließlich traf sie eine radikale Entscheidung: Sie schloss den Laden, investierte gemeinsam mit ihrem Partner ihr gesamtes Erspartes und nahm einen Kredit auf. Der Umbau war nicht nur baulich, sondern auch konzeptionell. Als City Look wiedereröffnete, war es nicht mehr derselbe Ort. Auf Messen, etwa in Düsseldorf, suchte Angelika Rottleb gezielt nach neuer Qualität, nach Materialien und Designs, die ihrem Anspruch gerecht wurden. Sie entwickelte ein feines Gespür für das, was Bestand hat.
Beratung als Begegnung
Heute verkauft Angelika Rottleb keine fertigen Konzepte.

Sie entwickelt sie gemeinsam mit ihren Kundinnen – im Gespräch, im Anprobieren, im genauen Hinsehen. Viele kommen nicht mit einer konkreten Suche, sondern mit einem Gefühl von Veränderung, weil sich ein neuer Lebensabschnitt anbahnt. In diesen Momenten entsteht etwas, das sich zwar schwer greifen lässt, aber doch spürbar ist. Vielleicht entfaltet sich genau in diesen leisen Prozessen jene Magie, von der Stammkundinnen immer wieder erzählen. Manchmal sind es kleine, kaum sichtbare Anpassungen, die den Unterschied machen. „Die Kleinigkeiten verändern alles“, sagt sie.
Ihre Arbeit bewegt sich zwischen Handwerk und Intuition, zwischen Erfahrung und Empathie. Mit einem Augenzwinkern nennt sie es auch „psychologische Betreuung Prenzlauer Berg“. Doch hinter dem Humor liegt eine ernsthafte Beobachtung: Kleidung ist Ausdruck, und dieser Ausdruck braucht Raum.
Eine Vision, die bleibt

Angelika Rottleb ist nicht nur Inhaberin von City Look – sie ist dessen Visionärin. Eine, die Entwicklungen früh erkennt, ohne sich ihnen blind zu unterwerfen. Der Prenzlauer Berg hat sich mehrfach gewandelt, und mit ihm die Menschen, die dort leben.
Sie hat diese Veränderungen begleitet, manchmal vorausgeahnt und immer reflektiert. Aufhören kommt für sie nicht infrage. „Ich mache das, solange ich kann“, sagt sie. Ihre Kreationen sind alltagstauglich, aber nicht alltäglich. „Stil ist wichtiger als Mode“, sagt sie. „Mode vergeht. Stil bleibt.“ Ein Satz, der wie ein leiser Leitfaden durch ihre Arbeit führt. Heute lebt Angelika Rottleb in Berlin-Mitte. Sie reist, besucht kulturelle Orte und sammelt Eindrücke. Vielleicht ist es genau diese Offenheit, die ihre Berufung bis heute lebendig hält.
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