Am 28. Juli 1984 wurden die drei Gasometer der IV. Städtischen Gasanstalt gesprengt. Bürgerproteste, alternative Nutzungsvorschläge und selbst der Denkmalschutz verhinderten den Abriss nicht, die steinernen Kolosse standen der städtebaulichen Umwandlung Ostberlins im Weg, für die seit den 1960er-Jahren in der Innenstadt historische Kieze und ganze Straßenzüge dem Erdboden gleichgemacht wurden. Und so sollte auf dem einstigen Betriebsgelände zwischen der damaligen Dimitroffstraße und den heutigen Ringbahngleisen das entstehen, was aus Betonplatten gesetzte Wohnglückverheißung war.
1976 hatte das Politbüro des ZK der SED die „Aufgaben zur Entwicklung der Hauptstadt der DDR“ für die nächsten 15 Jahre beschlossen, und hier die Marzahner und Hohenschönhausener Peripherie in plansollerfüllende Großbaustellen verwandelt. Doch nicht nur 230 000 Neubauwohnungen sollten bis 1990 entstehen, etwa 80 000 Altbauwohnungen waren aufgrund ihrer verschlissenen Substanz zum Abriss bestimmt. So war es nur eine Frage der Zeit, bis auch der zentral gelegene Prenzlauer Berg ins Visier der Stadtplaner geriet.
Die Zeiten des 1873 eröffneten Gaswerks waren bereits gezählt, unzumutbar waren die gesundheitliche Belastung und die olfaktorische Belästigung im dicht besiedelten Prenzlauer Berg. Wo heute noch Gas verbrannt wurde, sollte morgen eine Grünanlage zur Erholung und sportlichen Ertüchtigung einladen.
Keine neue Idee, denn schon vierzig Jahre zuvor war eine sukzessive Stilllegung der Gasanstalt in Betracht gezogen worden: Drei Gasometer, die an der Danziger Straße, Ecke Greifswalder standen – ebenso schön und groß wie ihre steinernen Schwestern an der S-Bahntrasse Das Ernst-Thälmann-Denkmal mit der künstlerischen Kommentierung „Vom Sockel denken“ (2021) von Betina Kuntzsch © Marc Lippuner –, wurden Mitte der 1930er-Jahre abgetragen, Pläne für einen großzügig angelegten Park entstanden, in dem die drei verbliebenen Gasometer einer neuen Nutzung zugeführt werden sollten.
Mit Kriegsbeginn wurde das Vorhaben nicht weiter verfolgt, ab März 1946 nahm die Gasanstalt ihre Produktion für dreieinhalb Jahrzehnte wieder auf. Als Ende der 1970er-Jahre Pläne für eine Nachnutzung des Geländes als repräsentativer Sport-, Freizeit- und Erholungspark vorgelegt wurden, verschwieg man aus naheliegenden Gründen die Parallelen zu den Vorschlägen aus nationalsozialistischer Zeit. Die Gasometer sollten nun, flankiert von einem Riesenrad, zum Kulturzentrum, Erlebnisbad und Planetarium werden.

Erst die Erkenntnis, dass mit dem Plattmachen gründerzeitlicher Wohnhauszeilen bei zunehmender Wohnraumknappheit das proklamierte Planziel nicht erreicht werden kann, machte aus dem 25 Hektar großen Erholungspark einen innovativen Wohnpark und zugleich ein Prestigeprojekt für die 750-Jahr-Feier Berlins im Jahr 1987. Die Greifswalder Straße, die das stillgelegte, Vergangenheit beschwörende Areal östlich begrenzte, war Teil der Protokollstrecke des Politbüros, auf der die Regierungsspitze tagtäglich zwischen Wandlitz und dem Werderschen Markt hin- und herpendelte.
Der ideale Standort also für ein solch zukunftsweisendes Bauprojekt, das der Lösung der „Wohnungsfrage als soziales Problem“ um 1332 Wohneinheiten näher kam. Der „bewohnte Park“ entstand ab 1983 in rasantem Tempo – mit Einkaufsmöglichkeiten und gastronomischer Infrastruktur, einer Schule und einer Schwimmhalle.
Die Punkt- und Zeilenhochhäuser, die 4000 Menschen ein fernwärmewarmes Zuhause wurden, waren umgeben von großzügig konzipierten Grün- und Gartenflächen, für jeden Bewohner wurde ein Baum gepflanzt und ein kleiner Teich komplettierte das sozialistische Wohnidyll, das den historischen Grund und Boden, auf dem es entstand, nicht gänzlich verleugnete, denn am südlichen Ende des Wohnparks blieben vier Verwaltungs- und Funktionsbauten der Gasanstalt erhalten, um Kultur und Gedenken im Wohnpark zu verorten.
Im Klubhaus wurde nicht ganz unterm Dach das Theater unterm Dach eingerichtet, in der Zwischenetage (kurz: ZwiEt) gab es Angebote für Jugendliche, das Foyer des Klubhauses wurde gelegentlich für Ausstellungen genutzt, bevor sich hier Anfang der 1990er-Jahre die Galerie Parterre etablierte. Das einstige Laborhaus wurde zum Haus der Volkskunst mit Räumlichkeiten für die Musikschule und Werkstätten für bildende Kunst.
Im Pumpenhaus, heute das Jugendzentrum Dimi, wurde 1986 das Kabinett des antifaschistischen Widerstands eröffnet, in dem Zeitzeuginnen und Zeitzeugen im Rahmen einer Dauerausstellung über den Kampf gegen den nationalsozialistischen Terror be- Im ehemaligen Klubhaus findet man das Theater unterm Dach, die Jugendtheateretage und die Galerie Parterre. © Marc Lippuner richteten. An ein altes Regulierhaus wurde ein eingeschossiger, auffälliger Neubau mit großen, palastderrepublikgetönten Scheiben angebaut: die WABE, ein Konzert- und Tanzsaal mit dem dahinterliegenden und daran angeschlossenen Rosengarten.

Der Anbau verbindet sich wie sämtliche Neubauten im Park durch Klinkerapplikationen mit der alten Architektur, so auch das 1987 am einstigen Standort der Gasometer eröffnete Zeiß- Großplanetarium. Heute Europas modernstes Wissenschaftstheater, wird es damals mit seiner 30-Meter-durchmessenden Kuppel manch Alteingesessenen schmerzlich an das halbkugelige Stahldach des imposantesten der drei gesprengten Wahrzeichen erinnert haben.
Zum neuen Wahrzeichen des Prenzlauer Bergs wurde indes – staatlich verfügt und umgehend ins Bezirkswappen implementiert – ein anderes Werk im Wohnpark: das vom sowjetischen Bildhauer Lew Kerbel geschaffene, an der Protokollstrecke auf einen großzügig bemessenen Paradeplatz gesetzte Ernst-Thälmann- Denkmal.
Die 50 Tonnen schwere, auf einen Sockel aus ukrainischem Granit gesetzte Plastik soll mit Bronze arbeitenden Künstlerinnen und Künstlern in der DDR über Monate die Arbeitsgrundlage entzogen haben, weil sämtliches verfügbare Material für die Herstellung der 15 Meter hohen und 14 Meter breiten Büste des Arbeiterführers abgezogen worden sein soll. Anlässlich des 100. Geburtstags Ernst Thälmanns am 16. April 1986 wurde das architektonische Prestigeprojekt von Erich Honecker in Anwesenheit Michail Gorbatschows feierlich eingeweiht.
Mit der Wohnsiedlung erhielt auch der nahe gelegene S-Bahnhof den Namen Ernst-Thälmann- Park, nach der Wiedervereinigung wurde er zügig wieder in Greifswalder Straße rückbenannt, da war das Thälmann-Denkmal auch schon wieder aus dem Bezirkswappen verschwunden.

Margret Middells Bronzeskulptur „Sportler“ (1969) vor dem Zeiß-Großplanetarium © Marc Lippuner Das Wappen des Bezirks Prenzlauer Berg von 1987 bis 1992 (Entwurf: Günther Stahn) als Bleiglasfenster im Bürgeramt Pankow © Marc Lippuner Dass das Denkmal selbst nicht komplett verschwand, verstehen viele bis heute nicht, dass der gesamte Wohnpark wegen seiner herausragenden Bedeutung innerhalb der Berliner Stadtbaugeschichte seit 2014 unter Denkmalschutz steht, noch weniger.
Im April dieses Jahres ist der Ernst-Thälmann-Park nun 40 Jahre alt geworden, geplant war, das Jubiläum in den Kultureinrichtungen, die hier seit vier Jahrzehnten ununterbrochen ein abwechslungsreiches Kulturprogramm anbieten, gebührend zu feiern. Doch die Galerie, das Theater und die WABE sind geschlossen und warten auf den Beginn der dringend notwendigen Sanierung. Stattdessen ist die Pforte, das kleine Ausstellungshäuschen am Eingang zur Kulturinsel, bis zum 26. April ein begehbares Archiv, in dem die letzten vier Jahrzehnte Kultur im Ernst-Thälmann-Park im wahrsten Sinne des Wortes begreifbar gemacht werden.
Mit dieser kleinen Ausstellung eröffnet der Fachbereich Kunst und Kultur des Bezirks Pankow einen ganzen Jubiläumssommer, der bis in den Herbst hinein auf der Gartenbühne mit zahlreichen Veranstaltungen gefeiert werden soll. Die WABE und das Theater unterm Dach sind ab Mitte April bis zum Ende der Sanierung, die sich mindestens drei Jahre hinziehen soll, in der Schönfließer Straße 7 zu finden, wo in der Aula des historischen Schulgebäudes eine kleine Bühne eingerichtet worden ist.
Die Kurse der Jugendtheateretage wurden bereits in die Atelierräume verlagert, die Galerie Parterre plant den Sommer über Ausstellungen im Kleinen Wasserspeicher an der Diedenhofer Straße, bis der finale Ausweichstandort im Herbst bezugsfertig ist.
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