Abgerissen werden soll sie, die Litfaßsäule gegenüber von unserem Laden. Warum, weiß ich nicht, aber ich vermute, es liegt an der steigenden Zahl von Unfällen, die man ihrem reinen Dasein zuschreibt. Denn mittlerweile achten selbst Ältere nicht mehr auf den Weg, sondern lieber auf die bunten Linien in ihrem Handy. Und? Zack! Paff! Litfaßsäule.?! Gehirnerschütterung. Erzähl das mal einem Inder, sagen wir aus Mumbai, der lacht sich kaputt. Dort fahren vormittags Aberhunderte von Mopeds rum, behängt mit Dabbas.
„Dabba“ bedeutet Mittagessen, bezeichnet aber auch den mehrstöckigen Transportbehälter, in dem das leckere Essen – natürlich gekocht von Mutti – von Dabbawalas, so nennt man die Mopedfahrer, an Vatis Arbeitsplatz gebracht wird. Die Dabbas sind mit einem Farben-Buchstaben-Zifferncode versehen, sodass allein in Mumbai jeden Tag mehr als 200 000 Essen zuverlässig die hungrige Arbeitskraft erreichen. „Respekt“ denkt da der ältere Leser. „Voll krass“, der jüngere. Hat man uns doch beigebracht auf kleine Bildchen zu drücken, sobald ein Problem auftaucht wie: Wo wohne ich eigentlich? Zeig mir den Weg!

Welche Telefonnummer habe ich? Was esse ich heute Abend? Und während ein Dabbawala nur darauf achten muss, dass sein Moped betankt ist, verlässt der moderne Westeuropäer das Haus nicht mehr ohne Smartphone und – zur Sicherheit – Powerbank. Denn ein leerer Akku führt unweigerlich zu Obdachlosigkeit: Man findet nicht mehr nach Hause, eine Nottelefonnummer hat man eh nicht im Kopf und der Hungertod steht bevor – moderne Zeiten.

Ich werde auch ohne Litfaßsäulen klarkommen, auch wenn mir die liebevoll gestalteten bunten Plakate auf ihr näher sind als die bunten Bildchen auf dem Handy, die nach leichtem Antippen die Anlieferung einer extra für mich aufgetauten Pizza Mumbai mit extradickem Käserand auslösen. Sollte es dir auch so gehen, komm vorbei. Wir haben Dabbas mit zwei, drei oder vier Stockwerken. Sie sind flüssigkeitsdicht auch ohne Plastikdichtung, können nicht rosten und schön aussehen tun sie obendrein. Und dann machen wir „nonviolent resistance“ gegen Pappkarton-Futter. Schade, dass Mahatma Gandhi das nicht mehr erlebt. P. S.

Dabbawala ist in Indien ein angesehener Beruf, von dem man leben kann. Das würde ich auch den armen Kerlen wünschen, die bei uns die Pappkartons austeilen.
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