Ende des 19. Jahrhunderts wurden die Vororte der rasant wachsenden Stadt Berlin vom Bauboom erfasst, so vollzog sich der Wandel auch in Wilmersdorf mit erstaunlicher Geschwindigkeit. Wo ursprünglich eine ruhige Landhaussiedlung geplant war, entstanden nun mehr oder weniger dichte Blockrandbebauungen mit fünfgeschossigen Mietshäusern. Innerhalb weniger Jahre wuchs die Einwohnerzahl von knapp 5000 auf über 100 000. Wilmersdorf war zur Großstadt geworden – und benötigte dringend ein eigenes Rathaus. Dass die Gemeindevertretung in Klassenzimmern oder privaten Räumlichkeiten zusammentraf, war nicht mehr tragbar.

Das alte Rathaus So entstand auf dem Grundstück Brandenburgische Straße 2, dort, wo die Sigmaringer Straße und die Gasteiner Straße zusammenlaufen, 1893/94 nach Entwürfen des Stadtbauinspektors August Lindemann das erste Wilmersdorfer Rathaus, das sich stilistisch an italienischen Rathäusern des 14. und 15. Jahrhunderts orientierte, einen für repräsentative Stadthäuser zum Standard gewordenen Turm besaß und mit rotem Klinker verblendet war.

Mit einer Grundfläche von knapp 900 Quadratmetern wurde es jedoch schnell zu klein, sodass bereits ab 1902 Pläne für einen deutlich größeren Rathausbau zwischen Preußenpark und Fehrbelliner Platz verfolgt wurden. Im August 1905 berichtete der General-Anzeiger für die Berliner Abonnenten des Berliner Tageblatts und der Berliner Morgen-Zeitung, in der Rubrik Aus den Vororten, dass die Gemeindeverwaltung den Siegerentwurf des Architekten Carl Zaar und des Baumeisters Rudolph Vahl realisieren wolle. Die Grundsteinlegung sollte im Jahr 1907 erfolgen und zwei Jahre später die erste Hälfte bezugsfertig sein.

Der Gebäudekomplex hätte dann bei zunehmendem Bedarf erweitert werden können. Geplant war ein Neorenaissancebau mit langgezogenen Seitenfassaden, stark gegliederten Pfeilerkrönungen und Ecktürmen. Doch die weit gediehenen Pläne wurden verworfen, stattdessen gab es 1908 unter Beteiligung Carl Zaars erneut einen Wettbewerb zur Erlangung von Entwürfen für den Bau eines neuen Rathauses in Wilmersdorf bei Berlin. Auch dieses Projekt kam über die Wettbewerbsphase nicht hinaus. Die Verwaltung musste weiterhin in den Räumlichkeiten des viel zu kleinen Rathauses zurechtkommen.

Das alte Wilmersdorfer Rathaus um 1900.
Das alte Wilmersdorfer Rathaus um 1900.

Zwischennutzungen Nach der 1920 im Zuge der Bildung von Groß-Berlin erfolgten Eingemeindung Wilmersdorfs nutzte das Bezirksamt den ursprünglich für das Joachimsthalsche Gymnasium errichteten Prachtbau an der Kaiserallee (seit 1950: Bundesallee) als Stadthaus. Heute ist dort der Fachbereich Musik der Universität der Künste angesiedelt. 1943 war das Gebäude kriegsbedingt so stark beschädigt worden, dass ein Großteil der Bezirksverwaltung in das heutige Goethe-Gymnasium ausweichen musste, das damals als Konservatorium der Reichshauptstadt diente.

Dadurch rückte die Verwaltung in unmittelbare Nähe des alten Rathauses, dessen Räume weiterhin von der Kommune genutzt wurden. Während das repräsentative Schulgebäude im Krieg nahezu unversehrt blieb, brannte das erste Rathaus 1945 aus und wurde nach Kriegsende vollständig abgetragen. An seiner Stelle befindet sich heute ein kommunaler Verwaltungsbau, in dem unter anderem die Dietrich-Bonhoeffer-Bibliothek untergebracht ist. Das neue Rathaus 1954 zog das Rathaus Wilmersdorf schließlich – wie bereits 1905 vorgesehen – an den Fehrbelliner Platz, wenngleich vis-à-vis vom ursprünglichen Standort.

Und wiederum nicht in einen eigens für kommunale Zwecke errichteten Neubau, sondern in ein Gebäude, das zwischen 1941 und 1943 nach Plänen von Helmut Remmelmann für die Deutsche Arbeitsfront (DAF) als Erweiterung der benachbarten DAF-Verwaltung als letzter Bau in nationalsozialistischer Zeit am Fehrbelliner Platz entstanden war. Aufgrund kriegsbedingter Materialknappheit wurde es nicht als Stahlbeton-, sondern als Mauerwerksbau ausgeführt.

Das ehemalige Joachimsthalsche Gymnasium.
Das ehemalige Joachimsthalsche Gymnasium.

Architektonisch bemerkenswert ist neben der halbrunden Fassade zum Fehrbelliner Platz hin insbesondere der Rundhof, dessen horizontal gegliederte Geschosse von 58 toskanischen Säulen getragen werden. Noch während des Zweiten Weltkriegs zog statt der DAF eine Wehrmachtverwaltungsstelle des Oberkommandos des Heeres ein. Nach Kriegsende diente das Haus acht Jahre unter dem Namen Lancaster House als Sitz der britischen Militärregierung, bevor es seine Bestimmung als Wilmersdorfer Rathaus erhielt. Die drei Nebenflügel des ursprünglich viergeschossigen Gebäudes wurden 1958/59 um ein fünftes aufgestockt.

Bereits 1957 waren in die Fassade des Rundhofs 27 Wappen eingelassen worden, die der Künstler Ludwig Peter Kowalski ursprünglich für die alte Hohenzollernbrücke geschaffen hatte, die im Zuge des Baus der Stadtautobahn abgerissen worden war. Die Wappen sollten an ehemals ostdeutsche Länder und Städte erinnern, die – wie es in einem Beschluss der Bezirksverordnetenversammlung hieß – „noch unter fremder Verwaltung“ standen.

Um dem revanchistischen Eindruck entgegenzuwirken, wurde 1992, also erst 35 Jahre nach der Platzierung, eine Erläuterungstafel angebracht mit dem Hinweis: „Mit diesen Wappen werden keine Ansprüche verbunden. Sie erinnern an einen Teil der deutschen und europäischen Geschichte.“ 1960 stellte man zwischen den Säulen zwei Gedenksteine auf: „Den Opfern nationalsozialistischer Willkür“ und „Den Opfern der beiden Weltkriege“. 1981 kam ein dritter hinzu, gewidmet „Den Opfern kommunistischer Willkür“.

Der charakteristische Rundhof.
Der charakteristische Rundhof.

1979 wurde in der Mitte des Rundhofs die Skulptur Versöhnung des in Berlin geborenen und nach Argentinien emigrierten jüdischen Bildhauers Pablo Hannemann aufgestellt. 1983 wurde sie vom Bezirksamt an den Uferweg am Koenigssee versetzt, wo ein Skulpturengarten entstehen sollte. Im Rundhof nahm 1988 der Venezianische Löwenbrunnen aus dem 1972 abgerissenen Kladower Ausflugslokal Schloss Brüningslinden seinen Platz ein, im selben Jahr wurde anlässlich der 750-Jahrfeier Berlins ein Exemplar des 85 Zentimeter hohen Bronzebären von Hildebert Klemm im Arkadengang platziert.

2004 kam Hannemanns Bronzefigur wieder in den Rundhof zurück, jedoch nicht an ihren ursprünglichen Ort, sondern ebenfalls unter die Arkaden zwischen die beiden Gedenktafeln für die Opfer von Willkür und Gewalt. Aufgrund der hohen Immobilienkosten beschloss das Bezirksamt im Januar 2012, das Rathaus Wilmersdorf als Verwaltungsstandort aufzugeben. Im Folgejahr zog die Bezirksverordnetenversammlung in das Rathaus Charlottenburg um, die übrigen Verwaltungsbereiche folgten bis Anfang 2015. Der Venezianische Brunnen wurde im selben Jahr demontiert und steht mittlerweile wieder in Kladow.

Von Sommer 2015 bis Herbst 2017 diente das Gebäude als Notunterkunft für Geflüchtete. Mit bis zu 1150 untergebrachten Menschen gehörte sie zu den größten Einrichtungen dieser Art in Berlin. Als Nachnutzer waren unter anderem der Landesrechnungshof und das Landesarbeitsgericht im Gespräch. Seit 2020 wird das Gebäude jedoch als Ausweichquartier für Beschäftigte der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen genutzt, während das Hochhaus in der nahegelegenen Württembergischen Straße saniert wird.