Caroline Kratzsch ist keine Person, die lange zögert. Während andere noch überlegen, ob etwas funktionieren könnte, hat sie meist schon angefangen. Nicht aus Leichtsinn, eher aus Instinkt. „Dann habe ich’s halt gemacht“, sagt sie und zuckt mit den Schultern, als wäre genau das die selbstverständlichste Haltung der Welt. Jahrgang 1965, geboren in Steglitz, aufgewachsen in Zehlendorf – eine echte Westberlinerin. Eine von denen, die ihre Stadt nicht erklären müssen, weil sie sie im Blut haben.

Direkt, pragmatisch, herzlich und mit diesem trockenen Humor, der selbst große Lebensentscheidungen wie kleine Randnotizen klingen lässt. Heute ist Caroline vor allem eines: eine feste Größe in Schöneberg. Genauer gesagt in der Maaßenstraße, zwischen Nollendorfplatz und Winterfeldtplatz, nur ein paar Schritte vom Wochenmarkt entfernt. Dort betreibt sie seit 36 Jahren ihr Fachgeschäft Körpernah Dessous & Bademode. Ein zweiter Laden liegt in der Uhlandstraße in Charlottenburg-Wilmersdorf. Doch ihr Herz, das merkt man schnell, schlägt eindeutig für Schöneberg. Hier kennt man sich.

Hier kommen Kundinnen nicht „mal eben shoppen“, sondern sagen schlicht: „Ich gehe zu Caro.“ Aus Versehen selbstständig mit 18 Geplant war das alles nie. Nach dem Abitur wollte Caroline eigentlich Modedesign studieren. Erst eine Schneiderlehre, dann die Hochschule. Doch der Lehrbetrieb ging pleite, bevor es richtig losging. Ihr Plan zerbröselte, und Caroline brauchte etwas, um die Zeit zu überbrücken. So landete sie auf dem Winterfeldmarkt. Strümpfe reparieren, nähen und verkaufen – nichts Glamouröses, dafür bodenständig.

Das Geschäft war ihr bereits vertraut, denn ihre Oma hatte einen Strumpfhandel, in dem sie schon als Jugendliche ausgeholfen hatte. Mit 18 bekam sie dann ihren eigenen Stand auf dem Winterfeldplatz. „Eigentlich wollte ich das nur kurz machen“, erzählt sie. „Aber es lief so gut, dass ich kleben geblieben bin.“ So wurde aus dem Provisorium Ernst. Und aus einem Jahr wurden sechs Jahre. Während andere in dem Alter noch überlegen, was sie „mal werden wollen“, war Caroline längst mittendrin zu sein, was sie hätte werden können. Zwischendurch begann sie sogar ein Sportstudium auf Lehramt.

Beratung mit Erfahrung und Augenmaß.
Beratung mit Erfahrung und Augenmaß.

Krafttraining, Aerobic, Jazzdance – Bewegung gehörte immer zu ihr. Doch dann fiel die Mauer. Und statt weiter zu studieren, tat sie das, was sie bis heute auszeichnet: reagieren und zwar sofort: Lieferwagen, Anhänger, Ware rein. Ein Stand unter den Linden, einer am Alexanderplatz, direkt an der Weltzeituhr. Bald hatte sie mehrere Stände gleichzeitig. Zwei Jahre arbeitete sie praktisch durch mit sechs Ständen am Tag. Pause war ein Fremdwort. „Ich habe nie auf die Uhr geguckt“, sagt sie.

„Wenn man etwas gern macht, fühlt es sich nicht wie Arbeit an.“ Mit dem verdienten Geld eröffnete sie 1990 im Alter von 25 Jahren ihren ersten eigenen Laden, ohne großes Sicherheitsnetz. „Ich habe das immer allein gemacht“, sagt sie ruhig. Es klingt nicht kämpferisch, eher selbstverständlich. Warum ausgerechnet Wäsche? Man könnte jetzt eine clevere Marktanalyse vermuten, eine Nische oder eine Strategie. Doch nichts davon trifft zu. „Ich habe schöne Wäsche einfach immer geliebt“, sagt Caroline. „Das war reine Leidenschaft.“ Die Alternative wäre ein Sportstudio gewesen.

Doch sie entschied sich für Dessous und Bademode. Für sie ging es immer um so viel mehr als nur um Stoff. Dessous haben mit Körpergefühl und Selbstbewusstsein zu tun. „95 Prozent tragen die falsche Größe“, weiß sie aus Erfahrung. Viele denken, Druckstellen, einschneidende Träger oder hochrutschende Rücken seien normal. Das sind sie allerdings nicht: „Es liegt fast immer an der fehlenden Beratung.“ Caroline spricht über BHs wie andere über Architektur: technisch präzise, aber mit Gefühl. Sie hat allein über 130 verschiedene Größen, Schnitte, Materialien und Marken im Sortiment.

Passform und Vertrauen stehen im Mittelpunkt.
Passform und Vertrauen stehen im Mittelpunkt.

Ihre Arbeit beginnt mit der persönlichen Beratung, die bei ihr oft eine dreiviertel Stunde dauert, manchmal auch länger. Mit viel Geduld und Respekt nimmt sie Maß, erklärt, lässt anprobieren und vergleichen. Zur Beratung kommen Änderungen, Reparaturen und Anpassungen. Eine Maßschneiderin hilft, wenn Standardgrößen nicht passen. Bei Bedarf werden Träger gekürzt oder Schnitte verändert, auf jeden Fall immer Lösungen gesucht. „Manche kommen erst mit 50 oder 60 und merken zum ersten Mal, wie sich ein gut sitzender BH anfühlt“, sagt sie.

„Das berührt mich jedes Mal.“ Weniger Fläche, mehr Nähe Im Laufe der Jahre wuchs ihr Geschäft immer weiter: mehr Läden, mehr Fläche. In der Uhlandstraße führte sie zehn Jahre lang das zweitgrößte Dessous-Fachgeschäft Deutschlands. Dann kam die Coronapandemie. Das Personal wurde knapp, die Beratung schwieriger, die Zeiten rauer. Caroline hätte durchhalten können, doch stattdessen traf sie die klare, bewusste Entscheidung, sich zu verkleinern. „Mit meinem Anspruch hätte das sonst nicht mehr funktioniert“, gibt sie zu. Heute konzentriert sie sich auf zwei Standorte und bleibt damit überschaubar und persönlich.

Der Schwerpunkt liegt in der Maaßenstraße in Schöneberg – spezialisiert auf große Cups bis O-Cup und intensive Beratung. Der zweite Laden in der Uhlandstraße konzentriert sich auf Größen bis zum G-Cup, mehr Fashion und eine Secret Lounge für die Verführung. Ihr Antrieb: Freiheit, Leidenschaft und Vertrauen Caroline lebt bewusst allein. „Ich liebe meine Freiheit“, sagt sie. Sie hat zwei erwachsene Töchter, einen engen Freundeskreis, und sie liebt die Natur als Ausgleich zur Arbeit. In Sachsen hat sie ein Haus, wo sie regelmäßig hinfährt zum Wandern oder Paddeln über stille Seen.

Caroline Kratzsch hat ihrem Bauchgefühl vertraut.
Caroline Kratzsch hat ihrem Bauchgefühl vertraut.

Dabei begegnet sie meist stundenlang keinem Menschen – diese Ruhe ist ihr Ausgleich für die vielen Gespräche und Geschichten im Alltag. Zum Abschied sagt sie einen Satz, der alles erklärt: „Man sollte das machen, woran man glaubt und was man liebt. Nicht zuerst daran denken, was man verdient.“ Vielleicht liegt darin das Geheimnis ihres Erfolgs. Caroline Kraatsch hat nie versucht, etwas darzustellen. Sie hat einfach ihrem Bauchgefühl vertraut und gemacht. Und irgendwo zwischen Maßband, Marktstand und Maaßenstraße ist daraus etwas entstanden, das man nicht planen kann: Vertrauen.

Oder, wie viele im Kiez sagen würden: „Ich gehe zu Caro. Die weiß, was passt.“