Es war noch kühl, als Emely Friedrich in Beelitz zur Spargelkönigin gekürt wurde. Doch das leichte Dauerfrösteln zu den diversen Fototerminen (warum müssen die immer draußen stattfinden?) ließ sie sich nicht anmerken. Da hat es der Spargel besser, denn sein Wohnort verfügt mittlerweile über eine Fußbodenheizung. Eine wendbare Folie mit schwarzer und silberner Seite reguliert darüber hinaus die Temperatur in seinem Wellnessbereich – auf dass er groß, stark und vor allem ertragreich werde! Und schon setzen in Superund anderen Märkten, an Stammtischen und in Selbsthilfegruppen die Debatten über den Spargelpreis ein.
Menschen mit bayerischem Migrationshintergrund kennen das Phänomen. Allerdings geht es bei ihnen nicht um Spargel, sondern um den Preis einer Maß auf dem Oktoberfest. Aber egal, dann kostet er eben. Schließlich ist Spargel das einzige Gemüse mit zeitlicher Begrenzung. Dieses alte Marketingkonzept ist aus Zeiten der Planwirtschaft als „gezielte Verknappung“ bekannt. Vielleicht liegt deswegen die Hauptstadt des Spargels in den neuen Bundesländern … Und dann geht es los: Kaum ist die Königin ernannt, rollen schon um sieben Uhr morgens die Reisebusse an wie eine Invasion pensionierter Feldherren.
Auf den Windschutzscheiben kämpferische Parolen wie: „Tagesfahrt Spargel satt“ „Nur noch 3 Plätze frei inklusive Schnitzel“ Ein älterer Herr liest die Preise laut vor wie Börsenkurse. „Spargelcremesuppe: neunfuffzig!“ „Sauce Hollandaise extra: drei Euro!“ „Kleines Schnitzel: achtzehnfünfzig?!“ Betretenes Schweigen. Das Schnitzel war nämlich früher Beilage gewesen. Jetzt ist es ein Luxusgut mit Petersilie. Manche Gäste fotografieren es erst einmal, bevor sie entscheiden, ob sie es sich leisten können. Neben dem Mann diskutiert ein Ehepaar über Inflation.
Die Spargelkönigin von Beelitz versucht, die Situation positiv zu sehen. „Der Spargel bringt Menschen zusammen“, sagt sie bei der Saisoneröffnung. Ein Kind fragt seine Mutter: „Mama, warum sind die Leute hier so aufgeregt wegen Gemüse?“ Die Mutter denkt kurz nach. „Weil Spargel in Deutschland kein Gemüse ist“, sagt sie feierlich.

„Spargel ist eine Jahreszeit.“ Euch, meine hochverehrte Leserschaft, möchte ich an dieser Stelle noch ein kleines Geheimnis verraten, welches mir wiederum Hans Haas, ehemaliger Küchenchef im Tantris in München anvertraute: „Warum soll ich ein Gemüse, was zu 90 Prozent aus Wasser besteht, im Wasser garen?“ Recht hat er. Wer will schon literweise Spargelsuppe mitproduzieren. Hans Haas macht es so: Man nehme zärtlich geschälte Spargelstangen und wickle sie portionsweise in Backpapier. Natürlich darf eine amtliche Flocke Butter, etwas Salz und Zucker nicht fehlen.
Wer mag, kann auch etwas Ingwer oder ein paar Streifen Bacon dazugeben. Kreativität erlaubt. Dann gut einpacken und im Ofen bei 180 Grad 20–30 Minuten garen. Man kann den Garpunkt auch testen, indem man versucht, ein Päckchen zu biegen. Zeigt es Flexibilität, möchte der Spargel serviert werden. Ihr werdet überrascht sein, wie viel mehr Aroma da drin ist. Guten Appetit und nicht vergessen: Nach St. Johanni fängt die Vorfreude wieder an. Euer Andreas von colecomp
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