Wir lieben den Dialog mit euch! Schreibt uns Leserbriefe, wenn ihr etwas zu einer Ausgabe auf dem Herzen habt. Bitte sendet uns eure Leserbriefe an: redaktion@mein-kiez.de oder per Post: mein/4, Schönhauser Allee 52, 10437 Berlin Unser beliebter Autor Bernd Oertwig, dessen pointierte Beobachtungen und feiner Humor vielen Leserinnen und Lesern längst wohlvertraut sind, hat in den vergangenen Monaten eine schwere Zeit durchlebt: neue Herzklappe, Intensivstation, lange Krankenhausaufenthalte.
Umso mehr freuen wir uns, dass er sich zurückgemeldet hat – mit genau jener Mischung aus Lakonie, Witz und Menschlichkeit, die seine Texte ausmacht. Und vor allem: dass er wieder bei uns an Bord ist. Diesen Brief hat er uns direkt aus dem Herzen geschickt. Das Team von meinKiez Verehrter Herr Verleger, lieber Markus, die Lage ist wie folgt: Wenn Du die Intensivstation im Herzzentrum am Virchow nicht kennengelernt hast, hast Du nichts erlebt im Leben. Da ist jede Sekunde eine Einzelgeschichte. Das schwöre ich Dir. Und operieren können die – sagenhaft. Allerdings bist Du anschließend hohl wie eine Bassgeige.
Das muss Dir klar sein. Hatte ich Dir erzählt. Meine Kardiologin hielt viel davon, mir eine neue Herzklappe zu verpassen. Eine läppische halbe Stunde schnitzen sie an mir herum. Morgens um acht. Eingang über die Leiste. Seitdem habe ich direkt an meinem Familienschmuckstück den schwärzesten blauen Fleck aller Zeiten, handtellergroß. Durch diesen Eingang schiebt der Prof (Privatpatient über Zusatzversicherung, Du verstehst) den Katheter mit der schicken neuen Schweineherzklappe bis ins Herz hoch und lässt sie da geschickt an der richtigen Stelle fallen. Wozu haben wir‘s ihn lernen lassen.
Von allem ist mir nichts transparent. Schlaftraum nennt das der Anästhesist. Mir kommt‘s wie eine Ohnmacht vor. Intensivstation, damit ich ’ne dünne Chance habe, aufzuwachen. Im Dreiviertelschlaf bekomme ich mit: Hektik an meinem Bett. Bevor ich die Frage überhaupt im Kopf formulieren kann, bin ich wieder weg. Stellt sich raus, ich hatte sehr lange sehr beängstigend geringen Blutdruck. Als ich vier Stunden später wirklich wach bin, fragt mich irgendein Jungspund-Arzt, ob ich weiß, warum ich hier bin. Hömma, Digga, ich weiß noch nicht mal, wo ich bin. Geschweige denn, warum!
Neben mir liegt ein Typ mit Tattoos von Hacken bis Nacken. Wenn der schläft, zofft er sich wie verrückt lautstark mit seiner Frau. Im Traum. Er schläft viel. Dafür hört der andere gegenüber deutsche Schlager über Kopfhörer. Nur dass die Kopfhörer am Haken hängen und auf laut gestellt sind. Bin zufrieden mit meiner Problemlösung. Hörgeräte raus und Ende. Jetzt liege ich wieder im Benjamin Franklin, dessen KardiologenChef mich operiert hat. Man gönnt sich ja sonst nix. Keeses Kaffeerundfahrten durch Berlin in Sachen Herzklappe.
Über mir rauscht zum dritten Mal innerhalb einer Stunde der Rettungshubschrauber aus den Wolken. Ganz schön was los. Eine junge Pflegerin serviert mein Abendessen. Ich will albern sein, frage nach Kaviar und Austern. Sie hat noch nie davon gehört. Und jetzt weiß ich auch nicht. Wichtig für mich: Macht es sich gut, das Kläppchen? Es macht jedenfalls Anzeichen. Dabei ist es gerade erst ein paar Tage in mir auf der Welt. Und schon spüre ich wesentlich Erleichterungen bei Abläufen, die mir vor einer Woche noch echte Schwierigkeiten gemacht haben. Luft, Luft, Luft. Yippee-ki-yay, Schweineklappe.
Damit weißt Du, lieber Markus, wie’s gerade um mich steht. Alles okay soweit. Jetzt muss sich das komplette Herz-Lungensystem nur noch neu anpassen. Soll mir nie wieder jemand erzählen, Herzklappe machen die zwischen Tagesschau und Wetterkarte und wenn, dann fummelt der Pförtner. Bullshit. Das Ganze macht kein bisschen Spaß. Aber egal. Die Schweineklappe erledigt einen guten Job. Sie hält etwa fünfzehn Jahre. Dann brauche ich ’ne neue. Und bei Dir so? Herzlichst Dein Autor
← Zurück zur Ausgabe