Namen von Straßen und Plätzen sind nicht nur Wegweiser im Alltag, sie können auch Erinnerungszeichen sein, vor allem, wenn sie historischen Persönlichkeiten gewidmet sind. Eine solche Namensgebung läuft nicht immer ohne Kontroversen ab, wie die Umbenennung der Mohrenstraße in Anton-Wilhelm-Amo- Straße in Berlin-Mitte kürzlich gezeigt hat. Im Vergleich dazu gab es bei den Benennungen des Gertrud-Pincus-Platzes im Jahr 2022 und des Minna-Flake-Platzes sieben Jahre zuvor wenig Medienecho und keine empörten Kommentare in den sozialen Netzwerken.

Was auch daran liegen mag, dass beide Plätze zuvor namenlos waren, sodass niemand seine Anschrift ändern lassen musste. Mit Minna Flake und Gertrud Pincus würdigte der Bezirk Pankow zwei Frauen, deren Wirken in Prenzlauer Berg untrennbar mit Fürsorge und sozialem Engagement verbunden ist. Zwei Frauen, die lange im Schatten unserer regionalen Geschichte standen, über die noch immer kaum jemand etwas weiß, der an „ihren“ Plätzen vorbeiläuft. Grund genug, sie hier noch einmal vorzustellen.

Gertrud Pincus – Pädagogin mit Leidenschaft, Opfer der Shoah Gertrud Pincus, geborene Kapauner, kam 1890 im schlesischen Glatz als drittes Kind in einer Kaufmannsfamilie zur Welt. Schon früh hat sie ihren Weg in die soziale Fürsorge gefunden: An der Sozialen Frauenschule Schöneberg unterrichtete sie im Alter von 23 Jahren zu frühkindlicher Erziehung, während des Ersten Weltkriegs arbeitete sie als Krankenschwester – ausgezeichnet mit der Rotkreuz-Medaille. 1921 heiratete sie den Handlungsgehilfen Paul Pincus, der später als Prokurist tätig war, 1923 kam ihr einziges Kind, Suse, zur Welt.

In den 1920er Jahren war Getrud Pincus als Fürsorgerin im Jugendamt des Bezirks Prenzlauer Berg tätig, das in jenen Jahren unter der Leitung des Sozialpädagogen Walter Friedländer © Marc Lippuner zum Vorreiter moderner Sozialpolitik avancierte. Pincus übernahm die Organisation des Krippen-, Kindergarten- und Hortwesens, führte innovative Methoden ein, die das spielerische Lernen förderten, und legte besonderen Wert auf musikalische Früherziehung. Damit beeinflusste sie die pädagogische Arbeit im Bezirk und prägte die Kindheit vieler Kinder aus Prenzlauer Berg nachhaltig.

Einweihung des Gertrud-Pincus-Platzes.
Einweihung des Gertrud-Pincus-Platzes.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten änderte sich Getrud Pincus’ Leben schlagartig: Aufgrund des am 7. April 1933 erlassenen Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums verlor sie als Jüdin ihre Stellung im Bezirksamt. Zusammen mit ihrem Mann versuchte sie ab 1936 in die USA zu emigrieren. Trotz frühzeitiger Registration, eines Affidavits und ausreichend finanzieller Mittel gelang die Ausreise nicht. Ihre 15-jährige Tochter schickten sie 1938 über die Jüdische Gemeinde auf ein Internat nach Schweden. Gertrud und Paul Pincus lebten die gemeinsamen Jahre in der Charlottenburger Windscheidstraße 8.

An ihrem letzten freiwillig gewählten Wohnort erinnern seit 2010 zwei Stolpersteine an das Ehepaar. Am 27. November 1941 wurden sie von der Sammelstelle in der ehemaligen Synagoge in der Levetzowstraße 7/8 in Moabit mit dem Ersten Deportationszug nach Riga gebracht und zusammen mit den anderen 1051 Jüdinnen und Juden aus dem Zug drei Tage später im Wald von Rumbula erschossen. Auf Initiative der AG Spurensuche des Frauenbeirats Pankow wurde ein dreieckiger, von der Krügerstraße, der Dunckerstraße und der Kuglerstraße umrandeter Platz am 10. März 2022 nach Gertrud Pincus benannt.

Manuela Anders-Granitzki, Bezirksstadträtin für Ordnung und Öffentlichen Raum, nannte die Geehrte eine „Heldin des Alltags, von denen es auch in unserer Zeit viele gibt und die viel zu oft nicht gesehen und meist schon gar nicht für ihr Tun gewürdigt werden.“ Minna Flake – Ärztin, Sozialistin, Überlebende im Exil Nur einen Block weiter, am südlichen Ende der Krügerstraße, erinnert bereits seit dem 27. November 2015 der Minna-Flake- Platz an eine andere Frau, die ebenfalls im Prenzlauer Berger Gesundheitwesen wirkte. Minna Flake wurde auf den Tag ge- Gertrud Pincus (1890-1941) © Museum Pankow Enthüllung am 10.

Gertrud Pincus.
Gertrud Pincus.

März 2022 durch Bezirksstadträtin Manuela Anders- Granitzki © BA Pankow nau 129 Jahre zuvor in Würzburg geboren, studierte Medizin in Würzburg und Berlin, promovierte 1920 nach ihrer Assistenzzeit in Basel und Bern und war anschließend als niedergelassene Ärztin in Berlin tätig. Dem Kreis um die pazifistischen Schriftsteller Otto Flake, mit dem sie vor ihrem Studium kurzzeitig verheiratet war, und René Schickele – von beiden bekam sie jeweils ein Kind –, galt sie als selbstbewusste und freizügige Muse.

Darüber hinaus war sie linkspolitisch aktiv, zuerst in der USDP, dann in der KPD, nach 1927 in der KPO und schließlich in der SAP. 1927 wurde sie in die Berliner Ärztekammer gewählt und legte ihren Fokus auf das Fürsorgewesen. Im Oktober des selben Jahres wurde sie auf Empfehlung des SPD-Bürgermeisters Otto Ostrowski Stadtschulärztin am Gesundheitsamt Prenzlauer Berg, wo sie zahlreiche Neuerungen durchsetzte, unter anderem ein unentgeltliches Obstfrühstück im Schulamt.

Sie engagierte sich im Verein sozialistischer Ärzte und im Bund Deutscher Ärztinnen, referierte zu heiklen Themen wie Abtreibung und verband medizinisches Handeln mit gesellschaftlicher Verantwortung. 1933 kam auch für sie die Zäsur: Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde ihre Ernennung als Stadtoberschulärztin aus Lebenszeit zurückgenommen, man verhaftete sie mit dem Vorwurf, illegale Abtreibungen durchgeführt und Gegner des NS-Regimes versteckt zu haben. Nach ihrer Entlassung floh sie mit ihrer 16-jährigen Tochter Renate ins Exil.

Minna Flake.
Minna Flake.

Die Odyssee führte sie über die Schweiz und die Tschechoslowakei zunächst nach Frankreich, wo sie ohne Arbeitserlaubnis und anerkannte Berufsabschlüsse halblegal in einer Pariser Arztpraxis arbeitete. Was Gertrud Pincus nicht vergönnt war, gelang Minna Flake: Mit Hilfe von Pincus’ ehemaligem Vorgesetzten Walter Friedländer, der seit 1933 im Exil lebte, erhielt sie nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs für sich und ihre Familie die erforderlichen Visa für die USA.

Im März 1941 ging sie mit ihrer Tochter an Bord des Schiffs Capitaine Paul Lemerle, ein umgebautes Minna Flake (1886-1958) Minna-Flake-Platz © Marc Lippuner Frachtschiff, mit dem, unterstützt durch Varian Fry, europäische Flüchtlinge in Sicherheit gebracht wurden. An Bord befanden sich viele Intellektuelle, darunter auch die Schriftstellerin Anna Seghers, die während der Überfahrt an ihrem Roman Transit arbeitete. Über Martinique gelangte Minna Flake im Mai 1941 schließlich nach New York.

1946 erhielt sie die dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung, studierte noch einmal Medizin, und konnte anschließend, mit Mitte 60, wieder als Ärztin arbeiten. Sie blieb bis zu ihrem Tod 1958 in New York. Gemeinsame Erfahrungen, geteilte Erinnerung Ob sich die beiden Frauen, die aus ganz unterschiedlichen Welten kamen, gekannt haben, entzieht sich unserer Kenntnis – möglich wäre es durch die Arbeit im Fürsorgewesen des Bezirks Prenzlauer Berg und den Kollegen Walter Friedländer.

Der Gertrud-Pincus-Platz heute.
Der Gertrud-Pincus-Platz heute.

So unterschiedlich ihre Lebenswege waren – beide Frauen entwickelten innovative Ideen im Bereich des Kindeswohls, beide wurden aufgrund ihrer jüdischen Herkunft aus ihrem Beruf gedrängt. Die eine wurde ermordet, die andere überlebte im Exil am anderen Ende der Welt. Die Namen dieser Frauen im Stadtraum zu verewigen, ist nicht nur eine Würdigung ihrer Leistungen für den Bezirk, es ist der Versuch, ihr Vermächtnis wieder ins Gedächtnis zu rufen. Ob dies an Orten gelingt, die keine Adressen sind, und auf denen trotz der dort aufgestellten Sitzbänke nur selten jemand verweilt, lässt sich nur schwer einschätzen.

Doch wenn auch nur jede zehnte Radfahrerin, die über den komplett versiegelten Minna-Flake-Platz hetzt, oder jeder elfte Spaziergänger, der sich fragt, welche Früchte der opulente Baum auf dem kleinen Gertrud-Pincus-Platz trägt, einen Augenblick darüber nachdenkt, mal nachzulesen, wer die Frauen waren, deren Namen nun auf den Straßenschildern in die Plätze hineinweisen, wäre schon viel gewonnen.