– wie die DDR aus der Husemannstraße ein Schaufenster machte Wer heute durch die Husemannstraße geht, erlebt Prenzlauer Berg wie aus dem Bilderbuch. Sanierte Gründerzeithäuser, Cafés, kleine Läden, Kinderwagen und Fahrräder prägen die nur rund 300 Meter lange Straße am Kollwitzplatz. Kaum etwas erinnert daran, dass sie schon einmal herausgeputzt wurde – nicht für zahlungskräftige Wohnungssuchende, sondern für die große Selbstdarstellung der DDR. Zur 750-Jahr-Feier Berlins im Jahr 1987 sollte die Husemannstraße zeigen, wie schön sozialistisches Wohnen im Altbau sein konnte. Dafür entstand eine Kulisse, in der Anspruch und Alltag nicht immer zusammenpassten. © Bundesarchiv/Wikimedia Commons Die Straße ist ein Kind des rasanten Wachstums Berlins. Ab 1885 entstanden hier Mietshäuser, zunächst hieß der kurze Straßenzug Hochmeisterstraße.

In Vorderhäusern, Seitenflügeln und Hinterhäusern lebten vor allem Arbeiterfamilien auf engem Raum. Werkstätten lagen in den Höfen. Was heute als begehrter Altbau gilt, bedeutete damals häufig wenig Licht, Außentoilette und viele Menschen in wenigen Zimmern. 1952 erhielt die Hochmeisterstraße ihren heutigen Namen. Walter Husemann, 1909 geboren, war Kommunist, Journalist und Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus. Er gehörte zum Umfeld der von der Gestapo als Rote Kapelle bezeichneten Widerstandsgruppen. 1943 wurde er in Berlin-Plötzensee hingerichtet. Die Umbenennung passte zum Selbstbild der DDR als antifaschistischer Staat – und gab der kleinen Straße einen politisch bedeutsamen Namensgeber. Doch der Zustand vieler Häuser in Prenzlauer Berg verschlechterte sich. Die DDR setzte vor allem auf neue Plattenbaugebiete; für die Altbauten fehlten Handwerker und Material.

Dächer wurden undicht, Fassaden bröckelten, Wohnungen blieben feucht. Während in Marzahn Wohnungen mit Fernwärme und Bad entstanden, warteten viele Menschen in den alten Vierteln auf eine Sanierung. Dann rückte das Jahr 1987 näher. Berlin sollte seinen 750. Geburtstag feiern – allerdings gleich zweimal, denn die Mauer teilte die Stadt. Ost und West wollten sich der Welt als das bessere Berlin präsentieren. Die DDR investierte in repräsentative Orte: Das Nikolaiviertel entstand neu, der Gendarmenmarkt wurde aufgewertet, Fassaden und Straßen im Zentrum wurden erneuert. Auch Prenzlauer Berg brauchte ein Vorzeigeprojekt. Die Wahl fiel auf die Husemannstraße. Die Straße sollte nicht modern aussehen, sondern wie ein restauriertes Stück „Alt-Berlin“. Fassaden bekamen Stuck und frische Farbe, Hauseingänge wurden gestaltet, Laternen und Straßenschilder historisierend nachgebildet.

Der historisierend gestaltete Gemüseladen 1987.
Der historisierend gestaltete Gemüseladen 1987.

Kopfsteinpflaster und schmiedeeiserne Details verstärkten den Eindruck einer Reise in die Zeit um 1900. Wo andernorts der Putz fiel, entstand hier mit beträchtlichem Aufwand ein Musterkiez. Auch die Geschäfte spielten mit: Ein Gemüseladen und ein Fotoatelier wirkten wie aus Kaisers Zeiten. Es gab die Gaststätte 1900, ein historisch ausgestattetes Postamt und Droschken. In Nummer 8 öffnete ein Friseurmuseum, in Nummer 12 das Museum Berliner Arbeiterleben um 1900. Die DDR zeigte Geschichte, Alltag und Konsum in einer sorgsam komponierten Mischung. Am 5. Juni 1987 wurde der rekonstruierte Abschnitt offiziell übergeben. Günter Schabowski, damals SED-Chef von Ostberlin und Mitglied des Politbüros, ließ sich die Ergebnisse erläutern. Die Bilder dieses Tages zeigen eine makellose Straße, Handwerker, Funktionäre und zufriedene Passanten.

Ausländische Besuchergruppen wurden später gern durch die Husemannstraße geführt. Hier konnte die DDR beweisen, dass sie nicht nur Platte konnte, sondern auch das historische Berlin bewahrte. Nur: Eine schöne Fassade ist noch keine gute Wohnung. Wie groß der Abstand zwischen staatlicher Darstellung und dem Leben hinter den Haustüren war, zeigt der zwölfminütige Dokumentarfilm Wessen Straße ist die Straße von 1988. Studenten der Filmhochschule Babelsberg begleiteten darin eine westdeutsche Besuchergruppe. Die offizielle Reiseleiterin präsentierte die Husemannstraße als Erfolg. Dann kamen Bewohnerinnen © Bundesarchiv/Wikimedia Commons zu Wort – und erzählten von Feuchtigkeit und Wohnungen, die keineswegs so gründlich erneuert worden waren, wie es von außen wirkte. Gerade diese Gegenüberstellung macht den Film so stark. Vorn glänzte das Schaufenster, hinten begann der Alltag.

Die Kamera blickte auch in unsanierte Höfe und auf vernachlässigte Fassaden der Umgebung. Die Husemannstraße war kein frei erfundenes Potemkinsches Dorf: Es war tatsächlich gebaut, repariert und verbessert worden. Aber sie war eine sorgfältig ausgewählte Ausnahme. Wer nur durch die Vorzeigestraße geführt wurde, © Bundesarchiv/Wikimedia Commons konnte leicht glauben, der ganze Bezirk sehe bald so aus. Für die Bewohnerinnen und Bewohner war das widersprüchlich. Manche profitierten von besseren Wohnungen und einem schöneren Umfeld. Andere erlebten, dass ihr Zuhause zur Sehenswürdigkeit wurde. Museen erklärten das Arbeiterleben vergangener Zeiten, während heutige Bewohnende mit realen Mängeln lebten. Der Filmtitel stellte die entscheidende Frage: Gehörte die Straße den Menschen oder dem Staat, der mit ihr für sich warb? Doch die Kulisse überdauerte den Staat, der sie geschaffen hatte.

Historisierendes Straßenschild in der Husemannstraße.
Historisierendes Straßenschild in der Husemannstraße.

Nur gut zwei Jahre nach der Jubiläumsfeier fiel die Mauer. Die Husemannstraße verlor ihre Rolle als sozialistisches Schaufenster und geriet in den nächsten großen Umbau. Nach der Wiedervereinigung wurden Häuser saniert, verkauft und in Eigentumswohnungen umgewandelt. Cafés, Restaurants und neue Geschäfte kamen. Viele alte Bewohnerinnen und Bewohner verließen den Kiez, freiwillig oder weil sie sich die steigenden Mieten nicht mehr leisten konnten. Aus dem DDR-Vorzeigeprojekt wurde eine der begehrtesten Wohnlagen Berlins. Auch die Museen verschwanden. Das Friseurmuseum zog 1995 nach Alt-Marzahn, das Museum zum Arbeiterleben wurde im selben Jahr geschlossen. In der Husemannstraße 12 befinden sich heute unter anderem eine Begegnungsstätte und eine Kita. Die Straße erzählt ihre Geschichte nicht mehr hinter Museumstüren.

Man muss genauer hinsehen: auf die besonderen Schilder, Fassadendetails und alten Aufnahmen, die zeigen, wie bewusst jedes Element arrangiert wurde. Der Wandel birgt eine feine Ironie. 1987 sollte die Husemannstraße beweisen, dass der Sozialismus den Altbau retten konnte. Heute wirkt sie wie das Idealbild des wohlhabenden, sanierten Prenzlauer Bergs. Wieder ist sie schöner und gepflegter als viele Straßen anderswo – und wieder stellt sich die Frage, wer sich das Leben hinter den Fassaden leisten kann. Die politische Kulisse von damals und der Immobilienmarkt von heute haben Maison Saveur Korean BBQ & Bar Wir legen großen Wert auf authentische koreanische Küche, frische Zutaten und eine moderne, gemütliche Atmosphäre im Kiez.

Das Fotoatelier in der Husemannstraße im Jahr 1987.
Das Fotoatelier in der Husemannstraße im Jahr 1987.

Besonders beliebt bei unseren Gästen sind unser Bibimbab, unser Korean Fried Chicken sowie unser spezielles Korean BBQ. alten hön erh ankesc ei einem Beines D Als kle mein KIEZ b rant einen n u Leser vo nserem Resta aufs Haus. u ot such in chen Soju-Sh is korean Maison Saveur Sredzkistraße 67 10405 Berlin Montag – Donnerstag: 12:00 – 22:30 Uhr www.maisonsaveur.de Instagram: @maisonsaveur.de Freitag: 12:00 – 23:00 Uhr Samstag: 12:00 – 00:00 Uhr Sonntag: 12:00 – 22:00 Uhr © Bundesarchiv/Wikimedia Commons wenig gemeinsam. Doch beide machten die Straße zu einem Bild, das weit über ihre 300 Meter hinauswirkt. Wer heute hier entlanggeht, sieht mehr als eine hübsche Straße im Kollwitzkiez. Die Husemannstraße ist ein Stück DDR-Selbstdarstellung und zugleich ein früher Schauplatz jener Aufwertung, die Prenzlauer Berg nach 1990 völlig verändern sollte.

Ihre Fassaden erzählen von Arbeitern und Funktionären, Reisegruppen und neuen Eigentümern. Vielleicht ist das ihr eigentliches Geheimnis: Die Husemannstraße war nie nur das, was sie auf den ersten Blick zu sein schien. Hinter dem historischen Schmuck lag 1987 ein widersprüchlicher Alltag. Hinter der heutigen Schönheit liegen die Umbrüche eines ganzen Viertels. Und die alte Frage des Films ist noch immer nicht beantwortet: Wessen Straße ist die Straße? ■