Wenn man den Laden betritt, passiert etwas ganz Einfaches: Man bleibt stehen. Es riecht nach Käse. Nach frischem Baguette. Und nach diesem warmen, leicht buttrigen Duft, der eher an einen Markt in Südfrankreich erinnert als an eine vielbefahrene Straße im Berliner Norden. Hinter dem Tresen steht Henrik Seidler, schneidet ein Stück Comté an und reicht es herüber. „Probieren Sie erst mal.“ Hier beginnen die meisten Gespräche mit Geschmack statt mit Preisen. Draußen rattert die Straßenbahn über die Greifswalder, drinnen wird genickt, gefachsimpelt, gelacht.

Zwischen Weinregalen, Terrinen und Olivenöl fühlt sich der kleine Laden weniger wie ein Geschäft an als wie eine Küche bei Freunden. Wer reinkommt, bleibt meistens länger als geplant. Dass hier ausgerechnet ein ehemaliger Schornsteinfeger französische Feinkost verkauft, klingt zunächst wie ein schiefer Lebenslauf. Henrik zuckt nur mit den Schultern. Schornsteinfeger bringen ja bekanntlich Glück. „Vielleicht bin ich dem einfach treu geblieben“, sagt er und lächelt. „Nur in einem anderen Metier.“ Heute verteilt er sein Glück eben scheibchenweise – als Käseprobe oder als gut gekühltes Glas Wein.

Geboren 1970 in Ostberlin, aufgewachsen in Weißensee, wollte er eigentlich Abitur machen. Aber in der DDR lief das nicht nur nach Leistung. Er war nicht in der FDJ und sein Vater war selbstständiger Handwerker – beides keine Empfehlungsschreiben fürs System. Und für die erweiterte Oberschule hätte er sich zusätzlich für drei Jahre Armee verpflichten müssen. „Das kam für mich nicht infrage.“ Also endete die Schulzeit für ihn nach der zehnten Klasse. Stattdessen begann er eine Lehre als Schornsteinfeger. Das war ganz pragmatisch und naheliegend, denn sein Vater führte einen eigenen Betrieb.

Französische Spezialitäten, persönlich ausgewählt.
Französische Spezialitäten, persönlich ausgewählt.

Henrik stieg später bei ihm ein, arbeitete mit, übernahm Touren: Dächer, Höfe, Keller, Ruß und Ziegel. Den Prenzlauer Berg kannte er lange von oben, bevor er hinterm Tresen stand. „Ich kenne viele Dächer – und auch viele Wohnungen von innen“, sagt er trocken, die Auslassungspunkte schweben in der Luft ... Der Beruf des Schornsteinfegers war frei und verlässlich. Und fühlte sich nach einem sicheren Weg an. Er brachte viel Bewegung und Eigenverantwortung mit sich. „Gut und solide“, beschreibt Henrik ihn.

„Aber es war eben nicht meine Leidenschaft.“ Irgendwann, Mitte dreißig, wuchs der Gedanke, nochmal neu anzufangen und etwas ganz anderes zu wagen. Wenn nicht jetzt, wann dann? Frankreich begleitete ihn zu dieser Zeit längst wie ein stiller roter Faden. Schon als Jugendlicher fuhr er immer wieder dorthin. Bretagne, kleine Dörfer, Märkte am Vormittag, Bäckereien, in denen die Croissants noch dampfen. Nirgends duftet es besser als in französischen Boulangerien. Oder die Provence, wo mittags alles langsamer wird und selbst ein einfacher Einkauf zur kleinen Pause gerät.

Dieses selbstverständliche Genießen faszinierte ihn. Niemand schlingt, alle nehmen sich Zeit. „Ich bin ein Flaneur“, sagt er. „Ich streife gern rum und gucke, was mir begegnet.“ 2008 machte er aus seiner Leidenschaft ein Konzept und eröffnete seinen eigenen Laden in Prenzlauer Berg. Die Lage ist keine Postkartenkulisse, eher Durchgangsstraße mit viel Verkehr. Dafür sichtbar. „Die Leute fahren vorbei, gucken rein – und irgendwann kommen sie doch.“ Und sie bleiben, weil dort nichts nach Kette aussieht. Statt aufpolierter Feinkostshow warten individuell bestückte Regale voller Entdeckungen.

Henrik Seidler kennt zu vielen Produkten ihre Geschichte.
Henrik Seidler kennt zu vielen Produkten ihre Geschichte.

Weine kleiner Winzer, Käse aus unterschiedlichen Regionen, Terrinen, Olivenöl, Baguettes. Alles Dinge, die Henrik selbst ausgesucht hat. Mehrmals im Jahr fährt er nach Paris zu Fachmessen. Das bedeutet: früh aufstehen, riesige Hallen durchlaufen, Hunderte Stände ansehen. Er probiert sich von Tisch zu Tisch, spuckt, notiert, redet und verhandelt. Meist sind es die kleinen Produzenten, die ihn interessieren: Familienbetriebe, Quereinsteiger, Leute mit Erde an den Händen. Viele kennt er inzwischen persönlich, schreibt E-Mails, telefoniert oder besucht sie auf den Höfen.

„Ich will wissen, wer hinter der Flasche steckt“, sagt er. „Sonst macht das für mich keinen Sinn.“ Zu fast jedem Wein kann er eine Geschichte erzählen. Vom alten Ehepaar aus der Ardèche. Vom jungen Winzer, der alles auf Bio umgestellt hat. Von einer Zufallsentdeckung, die eigentlich gar nicht exportiert werden sollte. Seine Kunden hören das gern. Sie kaufen nicht nur einen Wein, sie kaufen ein Stück Beziehung, eine persönliche Geschichte. Früher gab es zusätzlich einen kleinen Imbiss mit Croissants und belegten Baguettes, draußen ein paar Tische – es hatte fast schon Caféhausgefühl.

Doch für eine Einzelperson war das schlicht nicht zu stemmen. Während draußen gegessen wurde, warteten drinnen Käse, Wein und Beratung. „Irgendwas fällt immer hinten runter“, erzählt Henrik, „entweder die Tische oder der Laden.“ Also strich er den Imbiss wieder und konzentrierte sich auf das, was er wirklich gut allein bewältigen kann: Wein, Käse, Feinkost – und Zeit für Gespräche. Ganz ohne Backwaren geht es trotzdem nicht: Frische Baguettes gehören einfach dazu. Manchmal kommt jemand schnell für eins rein, klemmt es sich unter den Arm und ist wieder weg – fast wie in Paris. Henrik nimmt’s gelassen.

Der Laden an der Greifswalder Straße.
Der Laden an der Greifswalder Straße.

„Passiert öfter, als man denkt“, sagt er grinsend. „Aber meistens kommen sie irgendwann doch zurück. Für den Käse.“ Unterstützt wird er von Katharina, die seit der Eröffnung an seiner Seite ist. Sie kennt die Stammkundschaft beim Namen, weiß, wer welchen Rotwein mag, und hält Henrik den Rücken frei, wenn er unterwegs ist. „Eine große Bank“, sagt er. Und man merkt: Ohne sie wäre das hier kaum zu schaffen. Das Schönste an seinem Job? „Wenn jemand wiederkommt und sagt: ‚Der Wein war großartig.‘“ Diese leuchtenden Augen sind wie kleine Glücksmomente für den Ladeninhaber.

Was man mitbringen soll, wenn man durch die Tür kommt? Henrik muss nicht lange überlegen: „Neugier.“ Fast zwanzig Jahre macht er das nun schon. Es gibt keine zweite Filiale und kein Wachstum um jeden Preis. Er belässt es lieber überschaubar, persönlich und echt. Mit Käse und Wein, Menschlichkeit und Frankophilie bringt der ehemalige Schornsteinfeger ein wenig Glück und Savoir-vivre nach Berlin.