„Ob Tochter, Sohn – ob Mutter, Vater – jeder einmal in den Berliner Prater“ – mag sein, dieser Spruch auf einem Programmzettel für eine Italienische Nacht aus dem Jahr 1955 liegt schon zu weit in der Vergangenheit, als dass sich noch jemand daran erinnern könnte. Aber womöglich erinnert ihr euch noch an eine durchtanzte Nacht im Bastard Club? An einen kurzweiligen Theaterabend im Pratersaal oder einen unvergesslichen Besuch im schrillen Schmalzwald von Laura Kikauka? Habt ihr bei Christoph Schlingensiefs Wahlkampfaktion Chance 2000 im Hotel Prora übernachtet?
Oder habt ihr sogar noch weiter zurückliegende Erinnerungen an den Berliner Prater? Hat jemand von euch noch den Kinoklassiker Der alte Mann und das Meer 1965 im DEFA-Filmtheater Kastanienallee gesehen oder war sogar Ende der 1950er-Jahre als freiwillige:r Helfer:in am Umbau des Pratergartens beteiligt? So vielfältig und bunt wie das Programm des Berliner Praters seit jeher war, so unterschiedlich und einmalig sind auch die Erinnerungen daran. Um zu verhindern, dass diese einzigartigen Geschichten mit der Zeit verloren gehen, möchten wir sie in dem neuen Online-Archiv Vom Prater aus sammeln und veröffentlichen.
Wenn auch ihr Erinnerungen an den Berliner Prater habt, freuen wir uns über euren Beitrag zu einem lebendigen Archiv an Pratergeschichten. Die Idee, die vielen verschiedenen Erinnerungen an den Prater zu sammeln, kam Lena Prents, bis vor Kurzem Leiterin der Prater Galerie, als sie sich intensiv mit der Geschichte des Ortes auseinandergesetzt hat. Im Gespräch mit Künstler:innen, Kulturschaffenden aus dem Umfeld des Berliner Praters sowie Nachbar:innen aus dem Prenzlauer Berg kamen immer wieder spannende Erinnerungen und persönliche Erlebnisse auf, wodurch die Geschichte dieses Ortes lebendig wurde.

Ein paar Geschichten haben bereits ihren Weg in das Archiv gefunden. So zum Beispiel Danielle de Picciottos Erinnerung an ihr erstes Konzert mit den Space Cowboys im Jahr 1991, das ein jähes und unerwartetes Ende nahm.
Oder Gordon Monahans Erzählung über den ausgefallenen Schmalzwald aus den späten 1990ern, bebildert mit den knallig bunten Fotos von dessen Gründerin Laura Kikauka: „Sponsored by the Volksbühne, Schmalzwald was open at the Prater, Berlin, from Thursday to Saturday nights and featured live Irritainment, which consisted mostly of organ playing of reasonable quality combined with singing of questionable quality.
Laura Kikauka designed the interior and installed her ongoing collections of altered consumer products, DDR uncollectible items, and hybrid flea market/art objects, etc. (…) Performance chef Gordon W. introduced his Scharfness Institut to the Berlin public, cutting through the schmalz and shocking the public by serving fine cuisine at Imbiss prices, in between playing Tablas and Theremin on stage.” Erinnerung von Gordon Monahan Die Besucherin Ines berichtet über ein Erlebnis aus ihrer Kindheit in den 1970ern, bei dem sie an einem Rummel mit beeindruckender Hochseilakrobatik teilgenommen hat: „Ich glaube, es fuhren Motorräder über die Stahlseile.“ Und der Künstler Michael Jastram erzählt von seiner Ausstellung in der Galerie am Prater im Jahr 2001, bei der eines Nachts das Schaufenster mit einem großen Pflasterstein eingeschlagen wurde.

Auch die legendären FEMMES WITH FATAL BREAKS- Partys im Bastard Club finden Erwähnung im Beitrag der Künstlerin Ina Wudtke, die das DJ-MC-Kollektiv damals mitgegründet hat. „Im März 1999 sprach mich in Berlin DJ Delta an, ob ich nicht ein weibliches DJ-MC-Team gründen wollte. Und ob ich wollte! (…) Mit ihr zusammen erfand ich den Namen FEMMES WITH FATAL BREAKS, der sich von dem musikalischen Style ableitet, den wir damals verwirklichen wollten: Breakbeats. Delta kannte noch zwei andere DJs: Vela und Supersiren.
Wir vier gründeten das erste weibliche DJ-MC-Team von Berlin – und der Bastard Club (im Prater) war der Ort an dem wir unsere erste Residency bekamen, eine zunächst zweimonatige Party, die schon im Folgejahr eine monatliche FEMMES WITH FATAL BREAKS-Party wurde. (…) Es war eine aufregende Zeit, denn alles, was im Prater musikalisch lief, wurde von anderen Kulturschaffenden gehört und auf eine Art wieder in die gesellschaftliche Kulturproduktion eingespeist.“ Erinnerung von Ina Wudtke aka DJ T-INA Darling Neben den individuellen Erinnerungen der Besuchenden haben wir auf der Archiv-Webseite auch die wichtigsten historischen Ereignisse des Berliner Praters von seinen Anfängen Eine kleine Chronik des Berliner Praters 1837: Eröffnung einer Schankwirtschaft 1869: Theaterkonzession für Lustspiele, Possen und Operetten 1906: Eröffnung eines neuen Theatersaals und Erweiterung des Programms 1917: Umfunktionierung des Theatersaals zum Lichtspieltheater 1946: Wiederaufnahme des Theaterbetriebs 1949: erneuter Umbau zum DEFA-Filmtheater 1967: Kreiskulturhaus 1967: Eröffnung einer Galerie durch den Künstler Skip Pahler auf der gegenüberliegenden Straßenseite (bis 1969) 1973: Eröffnung der Galerie am Prater durch den Künstler Wolfgang Leber 1995: Einzug der Volksbühne 1999: Bastard Club (bis 2007) 2005: Umzug der Galerie in den Prater 2007: Vorläufige Schließung der Galerie im Prater vor fast 200 Jahren bis zur Gegenwart zusammengetragen.
Hier könnt ihr lesen, wie sich das Gartenlokal vor den Toren der Stadt zu einem der beliebtesten und kulturell reichsten Orte Berlins entwickelt hat. Wusstet ihr zum Beispiel, dass es in den Berliner Gartenlokalen des 19. Jahrhunderts üblich war, heißes Wasser zu verkaufen und Geschirr zu verleihen, mit dem sich die Besuchenden ihr mitgebrachtes Kaffeepulver selbst aufbrühen konnten? Wer keine Schanklizenz hatte, konnte durch diesen Trick die Getränkekonzession umgehen. Im Berliner Prater hielt man bis 1960 an dieser Tradition fest. Vielleicht findet sich sogar jemand, der sich daran noch erinnert.

Die mit historischen Fotografien bebilderte Chronik ist neben Deutsch und Englisch auch in Deutscher Gebärdensprache und Leichter Sprache verfügbar. Habt auch ihr Erinnerungen an den Berliner Prater vor seiner Sanierung? Seid ihr neugierig, was andere Besucher:innen im Prater erlebt haben? Begebt euch auf eine Entdeckungsreise durch das kontinuierlich wachsende Archiv aus Texten, Postkarten und Fotografien und stellt fest, dass es nicht DIE eine Geschichte des Berliner Praters gibt. Sie setzt sich aus vielen Geschichten zusammen – aus euren Erinnerungen und Bildern von unvergesslichen Momenten.
Wir freuen uns, wenn ihr diese mit uns teilt!
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