Am 2. November 1969 stieg Erich Schimmang, ein äußerlich gut situierter Herr mit Schnauzer, hoher Stirn und Brille, aus München kommend die Gangway der Pan-American-Maschine hinab, ging mit den anderen Passagieren unter dem weit auskragenden Dach des Flughafens Tempelhof ins Empfangsgebäude und nahm sein Gepäck in Empfang. Er wusste: Keinen Polizisten kümmerten seine Papiere. So sehr auf den Interzonenstrecken nach Berlin kontrolliert wurde, so grenzenlos frei reiste es sich über den Wolken. Schimmangs Adresse in West-Berlin war geheim, eine Vierzimmer-Altbauwohnung in der Nollendorfstraße 13/14, konspirativ angemietet, sein Versteck für die nächste Zeit. Denn Vorsicht war geboten. Hunderte Verfahren gegen Mitglieder der Außerparlamentarischen Opposition waren anhängig, und erst im Oktober 1969 hatte das Landgericht Berlin eines wegen „Widerstands gegen die Staatsgewalt“ gegen jenen Dieter Kunzelmann auf verschiedenen (Pass-)Fotos, um 1971

honetten Flugpassagier aus München nur deshalb eingestellt, weil er „zuletzt wohnhaft in Berlin 21, Stephanstr. 60, – zur Zeit unbekannten Aufenthalts“ war. Der wahre Name des Herrn: Dieter Kunzelmann. Der 30-jährige gebürtige Bamberger war eines der bekanntesten Enfants terribles der bewegten späten Sechzigerjahre, ein Querulant bis ins Alter. Nach Gymnasialbesuch und Banklehre, beides abgebrochen, machte er sich in München einen Namen mit originellen Happenings und kreativen „situationistischen“ Aktionen („Wer in Politik, Staat, Kirche, Wirtschaft, Militär, Parteien, soz. Organisationen keine Gaudi sieht, hat mit uns nichts zu tun.“). Als sich die „Situationisten“ auflösten, suchten Kunzelmann, seine Freundin Dagmar Seehuber und andere Münchener Kontakt zu Mitgliedern des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) in Berlin, allen voran Bernd Rabehl, Rudi Dutschke und seine spätere Frau Gretchen Klotz. Zur Erprobung alternativer, anarchischer Lebensart planten sie eine Kommune – in Berlin. Dorthin zog Kunzelmann im Spätsommer 1966, schweren Herzens, denn München erschien ihm „eine wesentlich lebendigere und attraktivere Stadt als Berlin, das von den Spuren des Krieges und der Teilung“ gezeichnet war. Die Kommune I, am 1. Januar 1967 in Wohnräumen der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger und Uwe Johnson in Friedenau begonnen, mehrfach umgezogen und zuletzt in einem Moabiter Fabrikgebäude, Stephanstraße 60, im Jahr 1969 aufgelöst, wurde legendär: eine Provokation des Bürgertums, zum Ende hin (mit Rainer Langhans und Uschi Obermaier) wenig mehr als eine sich vermarktende Hippie-Ikone, aber auch Vorläufer heutiger (weitaus biedererer) Wohngemeinschaften. Die Kommune, mit Andreas Baader und Ulrike Meinhof als gelegentlichen Gästen, diskutierte Gewalt als politisches Mittel, und auch Kunzelmann wollte es beim Eier- und Steinewerfen nicht belassen. Im Herbst 1969 ging er mit Freunden und Freundin nach Jordanien, um von der Fatah Bombenbauen und Schießen zu lernen, Kunzelmann mit zweifelhaftem Erfolg: Er zielte schlecht. Ende Oktober ging es zurück nach München und für Herrn „Erich Schimmang“ per Pan American nach Berlin-Tempelhof. In der Nollendorfstraße 13/14 wohnte er nun zusammen mit ebenfalls aus Jordanien zurückgekehrten Freunden. Konspirativ versteckt. Die Gruppe machte sich daran, aus ihrem Versteck heraus nach uruguayischem Vorbild eine revolutionäre Stadtguerilla zu rekrutieren, die „Tupamaros Westberlin“, und sie wurde mit Nollendorfstraße 13/14 in Berlin-Schöneberg, 2022

Das Haus in der Nollendorfstraße.
Das Haus in der Nollendorfstraße.

Bombenanschlägen auch bald aktiv, im KaDeWe, im Amerikahaus, dem Büro der israelischen Fluggesellschaft El Al, auf dem Juristenball im Palais am Funkturm und im Kammergericht am Lietzensee. Ein Anschlag, der misslang, erregte besonderes Aufsehen. Er war für den Gedenktag des 9. November im Jüdischen Gemeindehaus in der Fasanenstraße 79/80 vorgesehen. Am Morgen danach tickte die Bombe immer noch. Eine Reinigungskraft hörte sie unter einem Getränkeautomaten. Sie war funktionsunfähig. Die Medien sahen darin eine antisemitische Tat. Kunzelmann auch. Nach ihm und zwei anderen Tatverdächtigen fahndete nun die Polizei. Tatsächlich aber hatte die Bombe ein Agent des Verfassungsschutzes geliefert. Der gesuchte Kunzelmann meldete sich in der von Linken viel gelesenen Zeitschrift Agit 883 mit einem „Brief aus Amman“, den er aus Jordanien Mitte November 1969 geschickt zu haben vorgab. Getippt hatte er ihn in der Nollendorfstraße: „Ohne Kampf versacken wir im liberalen Morast, der sich in unserer Gegengesellschaft breit macht.“ Zu Kunzelmanns Gründungen gehörte ferner der „Zentralrat der umherschweifenden Haschrebellen“, der vor allem in der Wohnung des Rechtsanwalts Otto Schily in der Charlottenburger Wielandstraße 14 tagte. Es ging den Kiffern nicht um die Legalisierung von Joints, sondern darum, mit Cannabisblüten in gedrehtem Zigarettenpapier gegen das Establishment zu protestieren. Damit Kunzelmann sich bei Gefahr verteidigen konnte, brachte man ihm einen Trommelrevolver, und gleich der erste Schussversuch in der Nollendorfstraße ging buchstäblich in die Hose. „Da ich in meiner Unbedarftheit den Lauf der Waffe nicht von mir abgewandt hielt, hätte ich mir beinahe ein Ei weggeschossen.“ Die Kugel „streifte meinen Sack. Es gelang nur mit Mühe, die heftigen Blutungen zu stillen. Nach diesem Vorfall habe ich nie wieder eine Waffe angefaßt.“ Eine Zeit lang erwog Kunzelmann, aus Berlin zu fliehen, doch als ihn Freunde ins Ausland bringen wollten, überlegte er es sich noch einmal: „Wer die Revolution im eigenen Lande nicht vorantreibt, landet im Müllhaufen der Geschichte.“ Je länger Kunzelmann sich im sicheren Versteck aufhielt, je mehr der Oberfranke seiner Tarnung und personalausweislich gefälschten Identität als Ostfriese vertraute, desto mutiger traute er sich heraus. Er wagte es sogar, einen Freund in der Haftanstalt Moabit zu Dieter Kunzelmann mit seinem Verteidiger Hans-Christian Ströbele im Kriminalgericht Moabit nach dem Urteilsspruch, 6. Dezember 1971

Dieter Kunzelmann in einer historischen Aufnahme.
Dieter Kunzelmann in einer historischen Aufnahme.

treffen. „Schimmang, Erich“ trug der Pförtner in die Besucherliste ein. Auf den 19. Juli 1970 freute sich Kunzelmann besonders. Seine aktuelle Freundin Ina Siepmann, in Jordanien geblieben und gerade auf Heimaturlaub, hatte sich bei ihm angekündigt. Mit der gleichen Spannung wie er sah auch der aus Nordrhein-Westfalen instruierte Berliner Staatsschutz in Tempelhof der Landung des Flugzeugs aus Düsseldorf entgegen. Und wirklich, kaum hatte der Verdächtige freudig das Empfangsgebäude betreten, sprachen die Beamten ihn an. Er stritt ab, derjenige zu sein, für den sie ihn hielten. Erst ein Vergleich seiner frischen Fingerabdrücke mit den vorhandenen in der Polizeidirektion Gothaer Straße machte ihm bewusst: „Diesmal mußt du dich auf einen längeren Zwangsurlaub einstellen.“ Die Anklage lautete auf menschengefährdende Brandstiftung und Urkundenfälschung. Erst am 26. Oktober 1971 begann sein Prozess in Berlin-Moabit, am 6. Dezember erging das Urteil: neun Jahre und einen Monat Gefängnis. Sein Anwalt Hans-Christian Ströbele erreichte eine Revision des Verfahrens. Am Ende stand eine Freiheitsstrafe von vier Monaten wegen des gefälschten Ausweises. Wegen Brandstiftung, Sachbeschädigung und Beleidigung des Staatsanwalts ein weiteres Mal verurteilt, dauerte der „Zwangsurlaub“ hinter Tegels Mauern dann doch länger. Rückblickend betrachtete Kunzelmann die Zeit im Gefängnis als „Glücksfall“, denn in Freiheit hätte er sich gewiss der Roten Armee Fraktion (RAF) um Baader und Meinhof angeschlossen – mit ungewissem Ausgang für sein Leben. Nach seiner Haftentlassung saß er zwei Jahre für die Alternative Liste (heute: Bündnis 90/Die Grünen) im Berliner Abgeordnetenhaus. Eierwürfe auf den Regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen, dem er im Gerichtssaal zusätzlich ein märkisches Landei auf den Kopf drückte, brachten ihm 1995 noch eine Gefängnisstrafe ein. Er entzog sich ihr und schaltete 1998 seine eigene Todesanzeige. Wieder auferstanden, trat er schließlich seine Haft an. Am 9. Mai 2018 starb er tatsächlich.

Andreas Hoffmann: Versteckt in Berlin.
Andreas Hoffmann: Versteckt in Berlin.