Wer durchs Schöneberger Kiezleben geht, sieht Cafés, Märkte, Blumenläden – aber auch das, was oft übersehen wird: Armut. Menschen, die trotz aller Bemühungen zu wenig zum Leben haben. Dass Lebensmittelausgaben wie Laib und Seele längst Teil unseres Alltags geworden sind, ist Realität – und Teil dieses Kiezes. Nicht am Rand, sondern mittendrin. In der Hauptstraße 48 sorgt ein Mann mit großem Herzen dafür, dass es dort nicht nur etwas zu essen gibt, sondern auch Gemeinschaft, Struktur und ein Stück Würde: Wilfried „Willi“ Niehus. Er ist der Motor hinter der Schöneberger Ausgabestelle und ein echter Glücksfall für den Stadtteil. Von der Lebensmittelausgabe zur Lebensaufgabe Was Willi dort mit seinem Team auf die Beine gestellt hat, ist beeindruckend – nicht nur organisatorisch, sondern vor allem menschlich. Die Räume in der Hauptstraße 48 stellt die Evangelische und Altkatholische Gemeinde zur Verfügung. Was dort Woche für Woche geschieht, wirkt nach außen wie eine schlichte Essensausgabe. Doch wer genauer hinschaut, erkennt: Es ist viel mehr. Es ist ein soziales Netz, ein Treffpunkt, ein Stück gelebte Solidarität. Anfangs kam Willi über Fahrtätigkeiten zur Berliner Tafel. Während der Coronapandemie verteilte er Tüten mit Lebensmitteln durch ein Fenster – kontaktlos und mit großer Sorgfalt. Aus

dieser Notlösung entstand Schritt für Schritt eine funktionierende, lebendige Ausgabestelle. Und Willi wurde ihr Kopf, Herz und Macher. Heute koordiniert er nicht nur die Verteilung der Waren, sondern sorgt sich um so ziemlich alles: von der Helfergewinnung über die Kühlketten bis zur Stimmung im Saal. Mehr als ein Ehrenamt Willi Niehus ist kein Funktionär, sondern ein Möglichmacher. Er gewinnt neue Helfer, indem er in Nachbargemeinden Vorträge hält oder beim Konfirmandenunterricht über soziales Engagement spricht. Er schreibt Förderanträge für Tiefkühltruhen, beantragt Zuschüsse für Kühlzellen, organisiert ein eigenes Auto für den Transport. Und er besucht potenzielle Lebensmittelspender so lange persönlich, bis sie bereit sind mitzumachen. Beharrlich, charmant, überzeugend. Wer ihm dabei zusieht, spürt schnell: Das ist nicht einfach ein Job. Das ist Überzeugung. Gepaart mit Leidenschaft und einer enormen Portion Ausdauer. Willi ist über 70 und hat einen anerkannten Behinderungsgrad von 70 G – und trotzdem stemmt er Aufgaben, bei denen Jüngere längst passen würden. Das beeindruckt nicht nur Außenstehende, sondern auch sein Team. „Ein großes Herz, viel Geduld, immer ein offenes Ohr“ So beschreibt ihn eine seiner ehrenamtlichen Mitstreiterinnen, die ihn für den Stern des Engagements vorgeschlagen hat. Diese Auszeichnung wurde ihm am 13. Juli auf dem Sommerfest Sterne Berlins feierlich überreicht. An seiner Seite: viele aus seinem Team, die genau wissen, was er leistet. Die Zusammenarbeit mit Willi sei „warm, respektvoll, mit viel Humor“, berichten Helferinnen und Helfer. Die Atmosphäre in der Ausgabestelle? Fast familiär. „Er gibt allen das Gefühl, wichtig zu sein. Ob sie Kisten schleppen, Kaffee kochen oder einfach nur zuhören.“ Und: Er ist immer da, wenn’s brennt. Zwischen Kisten, Kaffee und Konflikten Ein Blick hinter die Kulissen zeigt, wie komplex das Ganze ist. Schon frühmorgens startet die Einsammeltour durch die umliegenden Supermärkte. Die Waren werden geprüft, sortiert, gekühlt. Verdorbenes wird aussortiert, der Saal vorbereitet. Und wenn alles steht, öffnet sich der Paul-Gerhardt-Saal zum Sozialen Donnerstag. Dann gibt es Kaffee, ein einfaches Frühstück, Gespräche – und für viele eine dringend benötigte Pause vom Alltag. Gegen Mittag beginnt die eigentliche Ausgabe. Die Abholnummern werden zufällig vergeben, dann betreten die Menschen in kleinen Gruppen den provisorischen „Supermarkt“. Für zwei Euro erhalten sie Lebensmittel, die je nach Spendenlage unterschiedlich ausfallen, aber immer mit dem Anspruch: Es soll für alle reichen. Bis zu 120 Menschen werden so versorgt. Danach wird geputzt, aufgeräumt, übrig Gebliebenes wird zu einem Bauern nach Schönefeld gebracht. Nichts wird verschwendet. Alles geschieht in Handarbeit und ehrenamtlich.

Willi Niehus mit Mitstreiterinnen und Mitstreitern.
Willi Niehus mit Mitstreiterinnen und Mitstreitern.

Herausforderungen und Hindernisse Doch so viel Herzblut kann die strukturellen Probleme nicht ganz auffangen. Willi weiß das und redet auch offen darüber. Die körperliche Belastung ist enorm, gerade für ältere Helferinnen und Helfer. Viele würden gern mitmachen, schaffen es aber nicht mehr. Nachwuchs zu finden, ist schwer. Das Ehrenamt steht unter Druck – auch durch unzureichende Renten, wachsende Existenzsorgen und mangelnde Anerkennung. Marianna, eine der langjährigen Helferinnen, erzählt von ihrem Ärger mit dem Jobcenter. Ihre ehrenamtliche Tätigkeit werde nicht als sinnvolle Beschäftigung anerkannt. Dabei sei sie „drei, vier Tage in der Woche im Einsatz“ – und das aus tiefster Überzeugung. „Ohne uns würden viele ohne Versorgung dastehen.“ Und sie betont: „Wir sind hier wie eine Familie – nicht nur die, die helfen, auch die, die Hilfe brauchen.“ Respekt und Unterstützung für Vorbilder wie Willi Dass Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier mehr gesellschaftliche Wertschätzung für das Ehrenamt fordert, mag gut klingen. In der Realität ist davon wenig zu spüren. Menschen wie Willi und sein Team brauchen keine Orden, aber sie verdienen Respekt, Aufmerksamkeit und Unterstützung. Denn was sie leisten, geht weit über das hinaus, was man unter „freiwilligem Engagement“ versteht. Willi Niehus zeigt, was Ehrenamt bedeuten kann: Zuverlässigkeit, Einsatzfreude, soziale Intelligenz – und die Fähigkeit, Menschen zusammenzubringen. Er ist nicht nur Organisator, sondern Vermittler, Zuhörer, Mutmacher. Und manchmal auch Salatgurken- Retter. Denn wenn etwas fehlt, telefoniert er so lange, bis es kommt. Wie neulich, als plötzlich alle Gurken aus waren und Willi trotzdem einen Weg fand, Gurken zu bekommen. Ein Kiez ohne ihn? Kaum vorstellbar Willi bewegt etwas. Still, beharrlich, pragmatisch – aber mit großer Wirkung. In seinem kleinen Kellerbüro, zwischen Kaffeekanne, Tacker und Transportplänen, laufen alle Fäden zusammen. Und dort ist auch sein Leitsatz zu hören, den er nie aufschreibt, aber oft sagt: „Ehrenamt ist kein Titel. Es ist ein Tun.“ Ein Satz, der hängenbleibt. Und vielleicht der wichtigste Grund, warum Schöneberg um einen echten Stern reicher ist – den an seiner Brust und den in den Augen all jener, denen er hilft.