Es ist eine kleine, kaum wahrnehmbare Bewegung – und doch verrät sie alles über ihre Haltung zur Fotografie. Wenn Eva Oertwig die Kamera hebt, lächelt sie nicht hinein, sondern ganz bewusst ein Stück daran vorbei. „Die Leute lachen automatisch zurück“, sagt sie mit leiser Überzeugung. „Und wenn Menschen lachen, sehen sie einfach besser aus.“ Was wie ein beiläufiger Trick klingt, ist in Wahrheit das Ergebnis jahrzehntelanger Erfahrung und Ausdruck einer zutiefst menschlichen Arbeitsweise. Denn Eva interessiert sich nicht für Masken.
Sie sucht das Offene, das Unbewachte, den Moment, in dem jemand für den Bruchteil einer Sekunde ganz bei sich ist. Zwischen Weltstars und Wilmersdorf Vor ihrer Linse standen nicht nur Brautpaare, Unternehmerinnen und Unternehmer oder Geburtstagsgesellschaften, sondern auch internationale Ikonen wie Tom Hanks, Richard Gere, Penélope Cruz, Sharon Stone, Robert De Niro oder Gerhard Richter. Sie fotografierte bei der Goldenen Kamera, beim Bambi, auf Filmpremieren, Vernissagen und während der Fashion Week. Über 25 Jahre lang gehörten rote Teppiche, Blitzlichter und internationale Entouragen zu ihrem beruflichen Alltag.

Und doch begegnet man Eva heute ebenso selbstverständlich im Kiez: bei einem Glas Wein im Cozy, im Nea Knosso, beim Einkauf in der Weinhandlung Brun oder abends im Quasimodo und im Cinema Paris. Glamour und Güntzelkiez sind für sie kein Widerspruch, sondern zwei Facetten desselben Lebens – Arbeit und Alltag, die sich leise ergänzen. Vom Schreibtisch an die Kamera Anfang der neunziger Jahre wurde Eva von der FAZ nach Berlin geholt, um am Aufbau einer neuen Zeitung mitzuwirken – zunächst als Fotoredakteurin.

Zwei Jahre später wechselte sie vom Schreibtisch hinter die Kamera und gründete mit ihrem damaligen Mann die Agentur SCHROEWIG News + Images. Eine klassische Fotografenausbildung hatte sie nicht. „Learning by doing“, sagt sie rückblickend. Damals bedeutete das: analoge Filme entwickeln lassen, Kontaktbögen studieren, Motive auswählen, Abzüge per Eilpost verschicken. Es war die Zeit vor dem Internet, in der jedes Bild noch einen materiellen Weg zurücklegte.
Mit Reportagen, Porträts und PR-Aufträgen erarbeitete sie sich Schritt für Schritt einen Namen – bis sie, fast beiläufig, in die Welt der Prominenten hineinwuchs. Die Digitalfotografie beschleunigte alles. Auf den roten Teppichen musste es plötzlich in Sekunden gehen. Und so stand sie ganz selbstverständlich internationalen Stars gegenüber. „Die Hollywood-Leute sind Vollprofis“, erzählt Eva trocken. „Oft entspannter als manch ein deutscher Star. Für sie gehört das einfach zum Job.“ Ihre eigene Professionalität ist dabei nie laut, sondern konzentriert, ruhig und respektvoll.

Ein Aufzug, ein Blick, ein Foto Eine ihrer liebsten Erinnerungen begann in einem Berliner Promi-Restaurant. Nach einer Premiere saß Tom Hanks mit seiner Entourage am Nachbartisch. Eva fragte höflich nach einem Foto, bekam ein freundliches Nicken – ein Klick, ein kurzer Moment. Später traf ihre Kollegin den Hollywood-Star zufällig im Hotelaufzug. Seine erste Frage: „Where is the one with the blonde hair?“ Er meinte die Fotografin. Es sind diese flüchtigen Begegnungen, die wegen der Atmosphäre in Erinnerung. Nähe entsteht für Eva immer dann, wenn man unaufgeregt und present bleibt. Genau darin liegt ihr Stil.

Diskretion als Haltung Die Branche hat sich verändert. Weniger gedruckte Seiten, mehr digitale Schnelllebigkeit, sinkende Honorare. Eva fotografiert heute nur noch ausgewählte gesellschaftliche Ereignisse im Fotojournalismus. Ihr zweites Standbein hat sie längst ausgebaut: Firmenevents, Jubiläen, Empfänge, Hochzeiten, private Feiern. Mal elf Gäste im Standesamt, mal 400 Personen auf einem Schloss. Oft international, oft mit Verschwiegenheitsvereinbarungen. Diskretion gehört für Eva ganz selbstverständlich dazu. „Das Einzige, was bleibt, sind die Bilder“, sagt sie.
Ihr Motto: „Creating memories.“ Was sie fotografiert, sind keine bloßen Arrangements, sondern Emotionen – ein verstohlener Blick während einer Rede, ein unvermitteltes Lachen, eine Hand, die kurz Halt sucht. Situationen, die kein Handy mit derselben Sensibilität einfangen kann. Und wenn die Gäste längst gegangen sind, beginnt für sie die eigentliche Arbeit: sichten, auswählen, bearbeiten – oft über Stunden oder Tage hinweg. Auf Wunsch gestaltet sie individuelle Fotobücher, mit einem feinen Gespür für Dramaturgie und Design. Damit schafft sie in sorgfältiger Handarbeit Erinnerungen für die Ewigkeit.

Eine aufmerksame Beobachterin Privat liebt Eva Farben, Räume und Gestaltung: Sie hat Innenarchitektur studiert. Tischdekorationen und üppige Blumensträuße gehören zu ihren Leidenschaften, im Spätsommer besonders Dahlien. Sie hört Soulmusik ebenso wie Bach, kocht mit ihrem Lebenspartner für Freunde und schätzt die kleinen Kinos der Stadt. Vielleicht ist es genau diese Mischung aus ästhetischem Gespür und wacher Neugier, die ihre Arbeit prägt. Eva beobachtet genau, ohne sich aufzudrängen. Sie arrangiert, wenn es nötig ist, und lässt los, wenn der Moment sich selbst entfaltet.

Ob Weltstar oder runder Geburtstag im Freundeskreis – sie begegnet jedem Auftrag mit derselben Sorgfalt und Hingabe. Und wenn sie dann die Kamera hebt, lächelt sie wieder – ein kleines Stück daneben. Weil genau dort die echten Bilder entstehen.
← Zurück zur Ausgabe