Früher Nachmittag. Sonne hoch über Berlin. Hartes Licht auf harten Straßen. Alter Schulklotz mit frischem Anstrich. Ein Knall donnert die Straße hoch. Kein Kriegsknall. Eher wie aus einem Film. Röhrend, tief, rot. Ein Ferrari SF90 Spider. Rot wie Blut, das noch warm ist. Ein Auto, gemacht für Männer, die etwas beweisen wollen. Gelbe Bremszangen blitzen hinter schwarzen Felgen. Die Karosserie liegt flach auf dem Asphalt wie ein lauerndes Tier. Die Jungs sind da. Vielleicht acht, zehn Jahre alt. Einer schiebt eine Mütze mit einem „S“ ins Gesicht. Als gehörte er dazu. Sie warten. Große Smartphones in kleinen Händen.
Paparazzi zur Probe. Keine Worte. Nur Blinken, Tippen, Klicken. Flüssig schraubt sich der Ferrari vor der Schule in eine enge Parklücke. Der Fahrer drückt nochmal das rechte Pedal. Röhr-Röhr. Die Jungs zucken nicht. Ein Kerl schält sich aus dem Wagen. Zu dick für den Renner. Fett auf den Hüften, Bauch wie ein überreifer Apfel. Rosa Pulli, weiße Hosen. Teure Uhr am Handgelenk, mit Gold. Er trägt sie, als wolle er gesehen werden. Er tut so, als sähe er niemanden. Er fischt Tüten vom Beifahrersitz. Designerläden. Klappt die Haube hoch. Der Spider hat keinen Kofferraum hinten. Nur vorn.
Wo bei normalen Autos der Motor ist. Das macht den Flitzer aus. Hybrid, 1000 PS. V8 und Elektro. Laut, schnell, teuer. Innen schwarze Ledersitze mit roten Nähten. Ein Cockpit wie ein Kampfflugzeug. Touchdisplays, Carbon, Digitales. Kein Platz für billig. Rosa Pulli stopft die Tüten unter die Haube. Geht rüber zur Schule. Kein Blick für die Jungs. Kein Gruß. Arroganz wächst mit dem Bauch. Man kann es sehen, wie andere einen Schatten werfen. Die alte Schultür. Das Mädchen kommt raus. Schwarze Haare. Glatt, glänzend. Die gleiche Sonnenhaut wie der Mann. Vielleicht Urlaub. Vielleicht Sonnenbad. Vielleicht egal.
Sie hält seine Hand. Ein rotziges Girl mit purer Unsterblichkeit in den Augen. Sie wird eine schöne Frau sein. Sieht nicht zu den Jungs. Einer winkt. Sie starrt durch ihn hindurch. Kaugummi im Mund. Du bist nichts, sagt ihr Blick. Ein kleines Miststück. Sagen die Kids aus ihrer Klasse. Sie geht nicht wie ein Kind. Sie stolziert. Eine kleine Zicke, tuscheln Lehrer. Nie bei den anderen. Immer gegen sie. Vielleicht hat sie das von ihm. Der Vater spendet hin und wieder. Er verstaut den Rucksack seiner Tochter wie eine Last, die er nicht haben will. Die Haube klappt zu. Satt und schwer.

Wie nur ein Ferrari klingt, auch wenn der Motor Pause hat. Sound-Design. Der Dicke schiebt das Kind in den Sitz, schnallt die Zicke an wie Gepäck. Mit leisem Druck auf den richtigen Button dreht er das Dach weg. Spider-Modus. Röhr-Röhr. Geschmeidig gleitet der Ferrari davon. Das Mädchen sieht nicht zurück. Der Mann auch nicht. Nur die Jungs blieben stehen. Der Kleine, der gewinkt hat, spuckt auf den Boden. Warum sie nicht auf eine Privatschule geht? Schwer zu sagen, sagt die Bäckersfrau gegenüber, die mir den Kaffee bringt. Vielleicht, will er zeigen, dass er auch hier größer ist als alle anderen.
Vielleicht, weil er glaubt, das reicht. Vielleicht, weil keiner sie will. Man weiß es nicht. Man kann nur zusehen. Zusehen ist manchmal das Einzige, was bleibt.
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