Wenn man sich mit Jim Baker in der Akazienstraße verabredet, sollte man ein bisschen Zeit mitbringen. Nicht wegen ihm – sondern wegen der Straße. Denn Jim, Mitgründer des Querverlags, lebt und arbeitet hier seit über drei Jahrzehnten. Und alle paar Schritte kommt jemand vorbei, grüßt, fragt, bleibt stehen. „Hallo, hallo“, sagt er fast im Gehen, so beiläufig wie herzlich. Hier, zwischen Apfelgalerie, Lampenladen und Akazienbuchhandlung, schlägt das Herz des Verlags – und vielleicht auch ein bisschen das des Kiezes. Der Querverlag, 1995 von Ilona Bubeck und Jim Baker gegründet, feiert in diesem Jahr sein 30-jähriges Jubiläum. Drei Jahrzehnte queere Literatur, politische Essays, Lyrik, Romane und Sachbücher – verlegt von einem Team, das nie laut, aber immer sichtbar war. Oder besser: sichtbar sein wollte. Denn auch 2025 ist Sichtbarkeit noch keine Selbstverständlichkeit. Ein Verlag aus einem Erkerfenster „Ilona und ich wohnten beide in der Nähe – sie im Frauenwohnprojekt in der Potsdamer Straße, ich ein paar Ecken weiter in der Vorbergstraße. Mein Freund lief die Akazienstraße hoch, sah im Erkerfenster ein Schild: ‚Gewerberäume zu vermieten‘. Wir haben angerufen. Und seitdem sind wir hier.“ Das „wir“ – das war von Anfang an besonders. Eine lesbische Frau und ein schwuler Mann, die gemeinsam einen Verlag gründen. Heute mag das harmlos klingen, damals war es ein © Pavol Putnoki Jim Baker vor 30 Jahren beim Renovieren der Verlagsräume in der Akazienstraße 25. © Caterina Lazzarini

Jim Baker im Akazienkiez.
Jim Baker im Akazienkiez.

Statement. „Die lesbische und die schwule Szene waren Anfang der 90er kaum verbunden“, erinnert sich Jim. „Wir wollten das ändern – mit einem Verlag als Plattform.“ Zusammengebracht hat Ilona, die damals beim Orlanda-Frauenbuchverlag arbeitete, und Jim, der in einem Verlag auf der Schöneberger Insel tätig war, eine vom Berliner Senat geförderte Lesungsreihe, die sie zusammen für die Frankfurter Buchmesse organisiert haben. Wenig später trafen sie sich regelmäßig – in der Mittagspause, mit viel Frust über Männer- und Frauenkollektive und einer gemeinsamen Idee: „Lass uns das selbst machen.“ Mit einem soliden Geschäftsplan, linkem Idealismus und etwas Startkapital von der Sparkasse ging es los – am 18. August 1995, offiziell eingetragen ins Handelsregister. Der Name? Keine einfache Geburt. „‚Queer‘ war noch nicht so gesetzt wie heute“, sagt Jim. „Und ich komme aus den USA, da hatte der Begriff für mich einen sehr negativen Beiklang.“ Der Hausgrafiker (und jetzt Jims Ehemann), Sergio Vitale, half mit unzähligen Entwürfen. „Das Wort ‚quer‘ – das diagonale Denken – gefiel uns. Und es ließ Spielraum.“ Keine Etiketten, keine Schranken Heute ist der Querverlag eine feste Größe – und dennoch ein Außenseiter im klassischen Buchhandel. Das ist kein Widerspruch. „Der Verlag ist als lesbisch-schwules Projekt gestartet“, betont Marc Lippuner, der vor einigen Jahren in den Verlag eingestiegen ist. Von Anfang an ging es jedoch um mehr. Schon Anfang der 2000er-Jahre erschienen Bücher über Transidentität und Intersexualität. „Ich habe den Verlag immer als offenes Projekt verstanden. Nachdem Ilona sich im vergangenen Jahr aus der aktiven Arbeit im Verlag zurückgezogen hat, wurden wir oft gefragt, ob das nun ein schwuler Verlag werden würde. Das wäre uns schon aus der Verlagsgeschichte heraus gar nicht in den Sinn gekommen – die Parität von schwulen und lesbischen Stimmen wird weiterhin beibehalten, zugleich bietet der Verlag Raum für die breite Vielfalt nichtheteronormativer Lebensentwürfe: trans, bisexuell, non-binär, queer.“ Der Verlag versteht „queer“ als inklusiven Sammelbegriff. „Natürlich gibt es auch kritische Stimmen, die sagen: Das verwässert Identitäten. Aber für uns ist es ein Begriff, der verbindet – nicht ausgrenzt.“ Welche Titel erscheinen – zwischen 10 und 16 sind es jedes Jahr –, entscheiden die beiden Verleger, nicht selten holen sie jedoch auch Meinungen von außen ein: „Wir fragen befreundete Autor:innen, Aktivist:innen, Institutionen. Wir wollen nicht über andere sprechen – sondern mit ihnen.“ Lyrik? Niemals! Oder doch? Dass der Querverlag heute eine eigene Lyrikreihe hat, ist Jim Baker und Ilona Bubeck mit Büchern aus dem ersten Verlagsprogramm, 1996 © Martin E. Kautter

Jim Baker und Ilona Bubeck in den Anfangsjahren.
Jim Baker und Ilona Bubeck in den Anfangsjahren.

fast ironisch. „Ilona und ich waren uns einig: Lyrik machen wir nie“, sagt Jim und lacht. „Da wir beide auch im Buchhandel gearbeitet hatten, wussten wir, wie schwierig es ist, Gedichte zu verkaufen. Bei uns im Laden hatte das Lyrikregal damals vielleicht 40 Zentimeter, wir haben fünf Bücher im Jahr verkauft.“ Dann kam 2020 der Berliner Verlagspreis – samt Preisgeld. „Da haben wir gedacht: Jetzt oder nie.“ Der erste Band kam, dann der zweite, inzwischen sind es vier. Der Verkauf? Überraschend gut. „1500 Exemplare vom ersten Band – in Lyrik! Das glaubt dir keiner im Buchhandel.“ Warum funktioniert’s? Vielleicht, weil es nicht die klassische Gedichtsammlung ist. Sondern weil junge, queere Stimmen darin zu Wort kommen – oft mit starker Social-Media-Präsenz. „Da entsteht was Neues. Und viele, die bei der Lyrikreihe angefangen haben, schreiben für uns inzwischen Essays oder Romane.“ Literatur als politischer Raum Marc, studierter Germanist und Historiker, kam über Social-Media-Arbeit zum Verlag – und blieb. Heute ist er Verleger in spe, der Übergang ist fließend. „Dass ich mal den Verlag übernehmen würde, war nicht geplant“, sagt er. „Aber ich bin reingewachsen. Ich liebe die Themen, die Autor:innen, die Haltung. Und ich wollte immer in queeren Kontexten arbeiten.“ Queeres Verlegen ist für ihn politisch – auch wenn er sich selbst nicht als klassischen Politmenschen sieht. „Sobald man queere Bücher macht, ist es politisch. Sichtbarkeit ist ein Statement – gerade heutzutage, wo die Queerfeindlichkeit spürbarer wird.“ Jim ergänzt: „Wenn ich bei der Buchmesse am Stand stehe, kommt immer jemand und fragt: ‚Braucht man das heute noch?‘ Ich frage zurück: Würde man das einen jüdischen Verlag fragen? Einen Kinderbuchverlag?“ Vom Stadtfest zum Buchpreis Sichtbarkeit – das ist ein wiederkehrendes Thema im Gespräch. Auf der Buchmesse, bei Stadtfesten, im Buchhandel. „60 Prozent aller Bücher werden verschenkt“, sagt Jim. „Und plötzlich kommt ein heterosexuelles Paar an den Stand und sagt: ‚Unsere Nachbarin heiratet ihre Freundin – wir suchen ein Geschenk.‘ Das ist schön.“ Aber im regulären Sortiment? Fehlanzeige. „Unsere Bücher findet man im Handel eher selten“, sagt Marc. „Die großen Verlage bringen jetzt auch zunehmend queere Titel heraus, da greifen Buchhandlungen eher zu denen. Damit teilen wir das Schicksal vieler kleiner unabhängiger Verlage. Wenn Buchhandlungen ein Queer-Regal haben, findet man unsere Bücher am ehesten dort.“ © Pavol Putnoki

Marc Lippuner und Jim Baker im Verlagsbüro.
Marc Lippuner und Jim Baker im Verlagsbüro.

Dabei wären viele Titel auch woanders gut aufgehoben: Berlin-Romane, Krimis, Essays. „Einmal habe ich einen unserer Kriminalromane im Bahnhofsbuchhandel in der Berlin-Abteilung entdeckt“, erinnert sich Marc. „Da habe ich mich richtig gefreut.“ Die Folge: Der Verlag geht dorthin, wo die Leser:innen sind. Stadtfeste, Buchmessen, queere Literaturtage, soziale Netzwerke. „Wir machen das, was geht. Mit begrenzten Ressourcen, aber viel Energie.“ Kiez statt Konzern Dass der Verlag heute noch da ist, hat auch mit seinem Kiez zu tun. „Ohne unsere Hausverwaltung gäbe es uns hier bestimmt nicht mehr“, sagt Jim. „Tolle Vermieter, sympathische Nachbarn. So lässt es sich hervorragend arbeiten.“ So bleibt der Querverlag im ersten Stock der Akazienstraße – umgeben von vertrauten Läden, der Akazienbuchhandlung, dem Lampenladen Peschke, dem kleinen Kaffeeladen Double Eye. Und auch die Nachbarschaft ist Teil des Verlagslebens. „Wir nehmen Pakete an, wir kennen uns, wir planen mit der Bibliothek um die Ecke in der Hauptstraße eine Reihe von Lesungen für 2026“, sagt Jim. „Das ist genau die Sichtbarkeit, die wir brauchen – und lieben.“ Die nächsten Kapitel Wie geht es weiter nach 30 Jahren? Jim will sich in einigen Jahren aus dem Tagesgeschäft zurückziehen, Marc übernimmt. Nicht mit Pauken und Trompeten, sondern mit Neugier und Respekt. „Wir machen das, solange wir Lust darauf haben“, sagt Jim. Und Marc ergänzt: „Wir wollen Bücher machen, die Stimmen hörbar machen. Bücher, die vielleicht die Welt nicht ändern – aber das Denken. Und manchmal auch das Leben.“

Das Team auf der Leipziger Buchmesse.
Das Team auf der Leipziger Buchmesse.