Wilmersdorf ist gewachsen – nicht nur in Fläche, sondern auch in Geschichte. Wer durch das sogenannte Rheinische Viertel schlendert, ahnt vielleicht, dass sich hier mehr verbirgt als hübsche Fassaden. In den Straßen mit ihren leicht geschwungenen Linien, den Vorgärten, den Balkonen aus Backstein und der ruhigen Atmosphäre lebt Geschichte mit. Die Wohnanlage zwischen Ahrweiler-, Deidesheimer- und Homburger Straße wurde 1925 begonnen – sie ist heute also über 100 Jahre alt. Und sie gehört bis heute zum Leben im Kiez. Die Wohnungsnot als Ursprung Am 10. Juni 1925 wurde der Grundstein gelegt: Die Heimstätten- Siedlung Berlin-Wilmersdorf, eine gemeinnützige Wohnbaugesellschaft der damals noch eigenständigen Stadt Wilmersdorf, kaufte das Gelände zwischen Ahrweiler-, Deidesheimer- und Homburger Straße. Ziel war es, dem Mangel an bezahlbarem Wohnraum entgegenzuwirken – mit eigenen Mitteln, denn private Investoren waren rar. Das Baugelände stammte von Georg Haberland, einem visionären Projektentwickler, der das Rheinische Viertel ab 1905 systematisch erschließen ließ. Laubenpieper hatten sich während des Ersten Weltkriegs auf dem Gelände niedergelassen, bauten Gemüse an, bis sie 1925 weichen mussten – gegen eine Entschädigung und mit dem Versprechen, sofort mit dem Wohnungsbau zu beginnen. Straumer & Binder: Architektur mit Haltung Zwei Architekten prägten das Bild der Anlage: Richard Binder und Heinrich Straumer. Richard Binder war später in NS-Projekte

involviert, Heinrich Straumer hingegen ist in Berlin bis heute durch Bauten wie den Funkturm, das Empfangsgebäude am Thielplatz oder die Gartenstadt Frohnau bekannt. Er entwarf den zentralen Teil entlang der Deidesheimer Straße – mit unverwechselbarem Rot an der Fassade, mit Loggien, Ecktürmen und großzügigem Grün. Dass sich das Ensemble architektonisch deutlich vom restlichen Viertel abhebt, ist kein Zufall – es war bewusst so gedacht: modern, selbstbewusst, offen. Die Wohnungen – meist mit drei bis vier Zimmern, Bad, Zentralheizung und Loggia – waren gut ausgestattet, aber nicht billig. Baukostenzuschüsse mussten von den künftigen Mietparteien erbracht werden, was den Zugang auf die besser situierte Mittelschicht beschränkte: Kaufleute, Beamte, Akademiker. Kleine Wohnungen für Hauswarte oder Heizer gab es im Souterrain. In den Adressbüchern jener Zeit tauchen auch bekannte Namen auf: Regisseur Erich Engels, Schauspieler Fritz Wendhausen oder der Kunsthistoriker Leo Adler. Der Kiez im Schatten der Diktatur Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten veränderte sich auch das Leben in der Wohnanlage. Die NSDAP-Ortsgruppe richtete ihr Büro in der Deidesheimer 21 ein, ein HJ-Heim entstand im Keller der Nummer 24. Für jüdische Mieterinnen und Mieter bedeutete dies das schleichende Ende ihres Zuhauses – bis 1939 wurden sie systematisch verdrängt. In Adressbüchern von 1931/32 sind noch neun jüdische Bewohnende aufgeführt, nach 1938 scheint keiner von ihnen mehr in der Anlage gelebt zu haben. Die Geschichte lässt sich nicht lückenlos rekonstruieren – aber Stolpersteine in der Nachbarschaft erinnern an das, was nicht vergessen werden darf. Zerstörung, Wiederaufbau, Wandel Der Zweite Weltkrieg traf auch das Rheinische Viertel. Mehrere Gebäude wurden bei Bombenangriffen beschädigt, die Hausverwaltung (inzwischen GSW) verlor große Teile ihrer Akten. In der Nachkriegszeit wurde die Wohnanlage notdürftig instand gesetzt, später mit Mitteln des Marshall-Plans saniert. Ab den 1950er-Jahren erfolgten größere Umbauten, insbesondere Dachausbauten, kleinere Wohneinheiten, neue Gauben. Die charakteristische Architektur blieb weitgehend erhalten – ein Glücksfall für das Stadtbild.

Historische Straßenecke der Wohnanlage.
Historische Straßenecke der Wohnanlage.

Privatisierung und neue Realität In den 1990er-Jahren begann ein neues Kapitel: Die GSW wandelte Wohnungen in Eigentum um, gründete eine Vertriebsgesellschaft und bot auch die Anlage im Rheinischen Viertel zum Kauf an. Nicht alle Mieterinnen und Mieter konnten oder wollten ihre Wohnungen erwerben – es kamen Investoren, später größere Immobiliengesellschaften. Heute gehört die Anlage mehrheitlich Eigentümerinnen und Eigentümern – mit ganz unterschiedlichen Hintergründen. Das Leben in der Anlage ist vielfältiger geworden, aber auch stärker durch Marktmechanismen geprägt. Was bleibt Die Anlage wurde 1995 unter Denkmalschutz gestellt – und das zu Recht. Wer heute entlang der Deidesheimer Straße flaniert, sieht mehr als nur schöne Backsteinfassaden. Man spürt: Hier hat jemand mit Sinn für Menschen gebaut. Licht, Luft, Farbe, Raum – all das war damals keine Selbstverständlichkeit. Heute ist es Teil unserer Nachbarschaft. Und vielleicht das schönste Zeugnis dafür, wie Geschichte in Wilmersdorf nicht nur vergangen, sondern gegenwärtig ist. Denn eine Wohnanlage ist nicht bloß Mauerwerk. Sie ist ein Spiegel ihrer Zeit und ihrer Menschen.

Das Rheinische Viertel heute.
Das Rheinische Viertel heute.