Es beginnt mit einem Bild, das man heute kaum noch kennt: ein Mann, der durch eine zerstörte Stadt läuft. Er ist nicht etwa auf der Suche nach etwas, sondern hat etwas im Gepäck: Papier, Stifte, vielleicht ein paar Ordner – Dinge, die unscheinbar wirken, aber genau das sind, was eine Gesellschaft braucht, wenn sie wieder anfangen will, sich neu zu organisieren. Im April 1949 gründet Gerhard Thörner sein Geschäft in Berlin; in einer Zeit, in der die Stadt noch von Ruinen durchzogen und Zukunft eine tägliche Aufgabe ist. Es gibt kein Ladenlokal im klassischen Sinne, kein Schaufenster, das Kunden anzieht.
Zunächst gibt es nur die eigene Wohnung in der Mansfelder Straße, in der das Wohnzimmer gleichzeitig als Lager dient und Ausgangspunkt für alles ist, was folgen soll. Von hier aus zieht Gerhard Thörner los, erst zu Fuß, dann mit der U-Bahn, später mit einem Fahrrad, an dem ein kleiner Anhänger befestigt ist, und beliefert die ersten Betriebe, die sich in dieser Stadt langsam wieder zusammenfinden.
Man kann sich heute kaum vorstellen, wie viel Vertrauen und wie viel Energie es braucht, in einer solchen Situation ein Geschäft aufzubauen, ohne Netz und ohne Sicherheiten; lediglich getragen von dem stillen Willen, es weitergehen zu lassen. „Die Ärmel hochkrempeln und machen“, so beschreibt es sein Sohn Bodo Thörner viele Jahre später, und in diesem einen Satz steckt wahrscheinlich mehr Wahrheit über diese Zeit als in jeder großen historischen Einordnung.
Die ersten Kunden sitzen damals vor allem im Ostteil der Stadt, Berlin ist noch eine Einheit, zumindest auf dem Papier, und es entsteht ein Netzwerk aus Beziehungen, aus regelmäßigen Besuchen, aus Handschlägen. Doch Geschichte ist selten planbar: Mit dem Bau der Mauer 1961 reißt ein Teil dieser Verbindungen plötzlich ab, Kunden verschwinden nicht, weil sie schlicht nicht mehr erreichbar sind. Es ist ein Einschnitt, wie es ihn in dieser Form wohl nur in Berlin geben konnte – und einer, der das Geschäft verändert, ohne es zu stoppen.
Ein Laden wächst mit der Stadt

Gerhard Thörner bleibt beweglich, zieht um, wächst weiter, und 1972 landet das Unternehmen schließlich an dem Ort, an dem es bis heute ist: in der Salzburger Straße, unweit des Bayerischen Platzes. Hier entsteht nach und nach das, was man heute betritt – kein auf Effizienz getrimmter Verkaufsraum, sondern ein Laden, der gewachsen ist, Stück für Stück, Regal für Regal, Sortiment für Sortiment. Mitten in dieser Entwicklung wächst Bodo Thörner auf, buchstäblich zwischen Papierstapeln und Bleistiftkisten.
Es gibt diese Szene, die fast beiläufig erzählt wird und doch alles sagt: wie sein Vater ihn schon als kleines Kind mit ins Lager nimmt und ihm zeigt, welche Bleistifte es gibt mit welchen Unterschieden und Qualitätsmerkmalen. Es ist eher ein Hineingleiten in eine Welt, die irgendwann zur eigenen wird. Mit 17 steigt er ein und übernimmt später die Firma, gibt ihr 1988 mit der Gründung der GmbH eine neue Struktur, ohne jedoch den Charakter zu verändern. Und dann kommt der Moment, der für Berlin alles verändert und plötzlich wieder Möglichkeiten eröffnet, die lange verschlossen waren.
Als 1989 die Mauer fällt und 1990 die Wiedervereinigung folgt, ist das für viele Unternehmen ein politisches Ereignis. Für die Familie Thörner ist es ganz konkret: Wege werden wieder befahrbar, Kontakte wieder möglich, Märkte wieder erreichbar. Man fährt erneut in den Osten, knüpft Verbindungen, spricht mit Betrieben und Institutionen, baut Schritt für Schritt neue Geschäftsbeziehungen auf. 1990 tritt die Frau von Bodo Thörner, Petra Thörner, ebenfalls in das Unternehmen ein und setzt als Ladenchefin neue Akzente. So ist diese Phase eine Rückkehr und zugleich ein Neuanfang.
Aufbruchsjahre zwischen Papier und Computertechnik
Diese Jahre bringen dem Unternehmen spürbaren Auftrieb. Das Geschäft wächst, wird größer, schneller, vielschichtiger – und genau in dieser Phase öffnet sich ein weiteres Feld, das damals wie die Zukunft selbst wirkt: die Computertechnik. Anfang der 90er-Jahre kommt mit Stefan Sperling jemand ins Unternehmen, der diesen Bereich mitbringt. Aus dem klassischen Bürobedarfsbetrieb wird zusätzlich ein Computerfachgeschäft, in dem Rechner verkauft, Systeme erklärt und neue Anwendungen vermittelt werden.

Gerhard Thörner gehört zeitweise zu den großen Schneider-Computerhändlern in Berlin – eine Entwicklung, die perfekt in diese Jahre passt, in denen sich Technik rasant verbreitet und die Grenzen zwischen Branchen verschwimmen. Das Unternehmen wächst weiter; es baut diesen Bereich aus, gewinnt neue Kunden, neue Aufgaben, neue Dynamiken. Es sind Jahre einer rasanten Expansion und unzähliger Möglichkeiten – aber auch Jahre, in denen der Aufwand stetig steigt. Denn mit der Zeit verändert sich der Markt erneut.
Große Ketten drängen hinein, Preise geraten unter Druck, technische Innovationen folgen in immer kürzeren Abständen, und der Einsatz, der nötig ist, um mitzuhalten, wächst kontinuierlich. Was zunächst wie ein logischer Schritt in die Zukunft erschien, wird zunehmend zu einem Bereich, der viel Energie bindet, aber wirtschaftlich immer schwieriger wird. Ende der 90er-Jahre fällt deshalb eine Entscheidung, die nicht leicht ist: Gerhard Thörner zieht sich aus dem Computersegment zurück und konzentriert sich wieder stärker auf das, was das Unternehmen über Jahrzehnte getragen hat.
Es ist eine bewusste Fokussierung auf den ureigenen unternehmerischen Kern.
Was bleibt, wenn sich alles verändert

Heute ist Thörner fürs Büro ein Ort, der genau aus dieser Geschichte heraus funktioniert. Ein Laden, in dem man spürt, dass hier nicht einfach nur verkauft wird, sondern dass sich über Jahrzehnte hinweg etwas gewachsen ist, das Bestand hat. Natürlich hat sich das Sortiment verändert, denn auch klassischer Bürobedarf ist nicht mehr das, was er einmal war. Rechnungen werden digital verschickt, Kommunikation läuft über E-Mail, und das viel zitierte papierlose Büro steht immer noch als Versprechen im Raum.
Und doch bleibt etwas, das sich nicht digitalisieren lässt: das Bedürfnis, Dinge in die Hand zu nehmen, sie auszuprobieren und ihren Wert zu spüren. Ein Stift, der gut in der Hand liegt. Papier, das sich richtig anfühlt. Der Geruch eines klassischen Schreibwarenladens, den viele Kunden bis heute bewusst wahrnehmen und schätzen. Der Laden hat sich darauf eingestellt, ohne sich zu verlieren. Mehr Schulbedarf, mehr Papeterie, mehr Dinge, die nicht nur funktional sind, sondern Freude machen.
Dazu ein Service, der aus Erfahrung gewachsen ist – etwa der Schullisten-Service, bei dem Eltern einfach die Vorgaben der Schule abgeben und alles passend zusammengestellt bekommen; eine kleine Entlastung im Alltag. Ein über Jahre zusammengewachsenes Team hält das Geschäft am Laufen. Viele Mitarbeitende haben hier gelernt und sind geblieben. Sie kennen die Abläufe, die Kunden und den Kiez. Es ist diese Kontinuität, die man spürt, wenn man den Laden betritt; hier arbeiten Menschen, die wissen, was sie tun. Natürlich gehört heute auch ein Webshop dazu und natürlich hat sich die Logistik verändert.
Aber der Kern ist geblieben: ein Laden in der Salzburger Straße, in dem man stöbern kann, Dinge ausprobiert und in dem Beratung aus Erfahrung besteht. Nach 77 Jahren lässt sich das Fazit ziehen: Es ging nie nur darum, Waren zu verkaufen, sondern immer auch darum, Teil dieser Stadt zu sein – in allen Phasen des Um- und Aufbruchs. Von den Trümmern der Nachkriegszeit über die Teilung, den Mauerfall und die Wiedervereinigung bis in die Gegenwart zieht sich eine rote Linie, die nicht gerade verläuft, aber verlässlich ist.
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