Wer den kleinen, hellen Laden in der ruhigen Bayerische Straße betritt, merkt es sofort: Das Café Eulinchen ist kein gewöhnliches Café. Es ist ein Stück Nachbarschaft, ein Ort, an dem Menschen sich kennen, Geschichten sich verweben. Im Angebot unter anderem: Kuchen, Torten, Plunder, Kleingebäck, Croissants, Kekse und in der Weihnachtszeit Stollen, Schwarzweißgebäck, Minilebkuchenhäuser. Es duftet, als würde jemand mit Liebe backen. Hinter der Theke stehen zwei Menschen, die genau das tun: Torsten und Martina Bobel, Konditoren aus Leidenschaft, Ur-Berliner, Ehepaar, Team.
Sie betreiben ihr Café im zehnten Jahr und machen damit den Kiez ein kleines bisschen süßer. Die beiden bilden sich laufend weiter, lernen neue Techniken, probieren unbekannte Rezepte aus und entwickeln frische Ideen. Den Meistertitel jedoch haben sie nie angestrebt. „Für die Meisterschule fehlte schlicht die Zeit“, sagt Martina. „Und da wir in unserem kleinen Laden gar nicht ausbilden könnten, hätte es uns fachlich kaum vorangebracht.“ Die Entscheidung war pragmatisch und keineswegs Ausdruck fehlender Ambition. Ihre Kuchen, Torten und Croissants schmecken nach Handwerk, Erfahrung und echter Hingabe.

Ein Kiezcafé, in dem sich Arbeit und Familie vereinen lässt Die Bobels wohnen direkt gegenüber dem Café. Als der frühere Betreiber auszog und der kleine Laden frei wurde, fügte sich alles. „Wir hatten immer im Hinterkopf, irgendwann etwas Eigenes zu haben“, erzählt Martina. Torsten, der seit Jahrzehnten in Wilmersdorf verwurzelt ist, und Martina, die über Dortmund und den Kölner Raum zurück nach Berlin gekommen war, fanden in diesem Café ihre gemeinsame Selbstständigkeit. Entscheidend war auch die Situation mit ihrer Tochter, damals dreieinhalb.

Konditoren beginnen sehr früh am Morgen, arbeiten an Wochenenden und Feiertagen, das lässt sich mit Kita-Rhythmen und Familienalltag nur schwer vereinbaren. Im eigenen Café ließ sich vieles besser integrieren. Die Kleine wuchs hier auf, lag als Kindergartenkind manchmal auf dem Sofa, ging früh allein über die Straße nach Hause. Ein Familienbetrieb im besten Sinne. Alles selbst gemacht – und das schmeckt man Im Café Eulinchen gilt ein einfaches Prinzip: Wir machen es selbst. Hier sucht man vergeblich nach Fertigmischungen oder industriellen Abkürzungen.
Butter, Zucker, Mehl und hier und da ein kleines Geheimnis vermischen sich zu süßen Meisterwerken. Viele Gäste kommen nur deshalb. Torsten ist der nächtliche Motor dieser Arbeit. Um Punkt null Uhr beginnt sein Tag: Croissants tourieren, Mohnkuchen backen, Hefezöpfe formen, Böden vorbereiten. Wenn um neun Uhr die Cafétür aufgeht, steht alles frisch in der Vitrine. Martina stößt frühmorgens dazu, übernimmt das Feine und Dekorative. Gemeinsam schaffen sie das, was viele für unmöglich halten: jeden Tag ein umfangreiches handgemachtes Sortiment anbieten.

Während das Süße direkt im Eulinchen entsteht, kommen die Brötchen von dem Bäcker, bei dem beide früher gearbeitet haben: „Dafür bräuchte man nämlich ganz andere Maschinen und Platz.“ Die Frühstücksetagèren ergänzen das Angebot und sind Martinas eigenes kleines Highlight: liebevoll angerichtet und gespickt mit vielen Details, die man heute kaum noch sieht. Ein Ort der Geschichten Während Torsten den Boden legt, verleiht Martina den Torten ihre Seele. Sie modelliert Figuren, malt Details, setzt Farben, ordnet Collagen an. Jede Torte entsteht individuell nach Gespräch, Wunsch und Anlass.

„Manche kommen und sind völlig ideenlos“, berichtet sie. „Dann sage ich: Erzähl mir, wer die Torte bekommt.“ Daraus entwickelt sie ihre Motive. Darunter waren schon ein Feuerwehrauto auf einer Konfirmationstorte, ein maritimes Steuerrad und ein Liebhaberprojekt mit Mini-Vulkan und Dinos. Und sogar ein humorvoller Auftrag in Form eines Sarges mit überraschendem Inhalt, der besser ungeschrieben bleibt. „Die Kundin war begeistert“, sagt Martina schmunzelnd. Die Konditorin liebt das Modellieren. Je außergewöhnlicher, desto besser: „Bei Hochzeitstorten hat man irgendwann alles gesehen.

Aber wenn mal etwas komplett Neues kommt, freue ich mich.“ Das Café Eulinchen ist eine Begegnungsstätte. Viele Gäste kennen Torsten und Martina Bobel beim Namen, manche kommen täglich. Wer allein kommt, setzt sich aufs Sofa, beobachtet die anderen, und ist doch nicht allein. „Es ist wie nach Hause kommen“, sagt Martina. „Die Leute grüßen sich, quatschen miteinander – auch wenn wir mal keine Zeit haben.“ Freizeit als Quelle der Inspiration Freizeit ist selten, aber wenn sie sich ergibt, führt sie die Bobels gern ins Theater des Westens.
Am Anfang waren es reine Musicalabende – besonders Ku’damm 56 und Romeo & Julia – Liebe ist alles haben die beiden gepackt. Aus dieser Begeisterung entstand eine kleine Geste: eine selbstgemachte Torte als Dankeschön, weil sie häufiger Karten gewonnen hatten. Daraus entwickelte sich ein Austausch – erst ein freundliches Kennenlernen, dann ein unkomplizierter Kontakt. Heute bestellen Ensemblemitglieder ihre Torten direkt im Café Eulinchen. „Das ist ein schönes Geben und Nehmen“, so Martina. Eine Verbindung, die nicht geplant war und gerade deshalb guttut.

Wenn Zeit bleibt, führt sie der Weg auch nach Hamburg: Harry Potter, Starlight Express und andere Musicalproduktionen. Der freie Montag bleibt dennoch ein Organisationstag. Aber die Bühnenauszeiten geben Energie – und vielleicht auch kleine kreative Impulse, die sich später in einer Torte wiederfinden. Was bringt die Zukunft? Große Pläne haben die Bobels nicht – und das ist gut so. Stabil bleiben, das Café weiterführen, vielleicht eine verlässliche Aushilfe finden. „Wir sind am Limit“, gibt Martina zu, „aber genau das macht uns aus. Es soll persönlich bleiben.

Wenn man einen Job hat, der einem Spaß macht, muss man nie arbeiten“, ist sie überzeugt.
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