Es war Anfang der Achtziger. Ich lud meine damalige Freundin ins Paris-Moskau ein. Das ambitionierte Restaurant befand sich in einem kleinen Fachwerkhäuschen am Ende der westlichen Welt: Alt Moabit geradeaus Richtung Osten, kurz vor der Mauer rechts. Okay, ich wollte sie beeindrucken und befand Fine Dining (norddeutsch: einen auf dicke Hose machen) für genau den richtigen Plan. Der Laden wurde mir von einschlägigen Verdächtigen empfohlen, und auch wenn ich keine Ahnung von Fine Dining hatte, wusste ich: Irgendwann ist immer das erste Mal. Also habe ich gespart und los ging es.
Heute steht das kleine Fachwerkhäuschen immer noch. Fußläufig vom Hauptbahnhof, Kanzleramt, Reichstag, Tralala. Einen Gang des zusammengesparten Menüs werde ich nie vergessen: Ziegenroulade. Die Rouladen meiner Mama habe ich sehr geliebt. Mit Rotkohl, Kartoffeln und reichlich Sauce gaben sie Energie für zwei Tage. Die Ziegenroulade habe ich mit einem einzigen Happs meinem Verdauungssystem überlassen und anschließend die überschaubaren, aber hübsch auf dem Teller verteilten Beilagen niedergemacht.

Dass man sich anschließend mit der mitgelieferten Stoffserviette den Mund abtupft, hatte ich schon mal im Fernsehen gesehen – immerhin. Gut 40 Jahre später kochte Andreas Lochner, der mir damals die Ziegenroulade kredenzte, in einem kleinen HinterzimmerRestaurant namens HunniClub. Ich habe die dazwischenliegenden Jahrzehnte genutzt, um mit Fine Dining meinen Frieden zu Andreas Lochner machen. Man kann sogar behaupten, wir wurden Freunde. Als Vorspeise servierte Andreas Kalbszunge mit Garnelen – großartig!
So ein Gericht traut sich heute niemand mehr, denn beide Komponenten gibt es (noch) nicht in bio-vegan. Und während ich mich mit dem Teller beschäftigte, ging mir ein Gedanke durch den Kopf: „Ach, könnte ich doch noch mal eine Ziegenroulade essen.“ Aber bevor ich ganz sentimental werde und auch noch „früher war alles besser“ raushaue, sei der geneigten Leserschaft verraten, dass mein Namensvetter mir versprochen hat, dieses Gericht noch mal auf den Speiseplan zu setzen. Wann allerdings, hat er nicht verraten.

Also bleibt mir nichts anderes übrig, als keinen Abend im HunniClub zu verpassen. Euer Andreas von colecomp
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