Ich laufe durch den Tiergarten. Sehr früher Tag. Für einen wie mich. Raben picken am Wegrand, auf dem Rasen. Die Sonne liegt schräg über den Bäumen. Der Sommer ist durch. Am Kanal, kurz vor der Schleuse, ist die Bank frei. Genau die, zu der ich will. Mit der handbreithohen Mauer davor. Perfekt für die Füße. Wie ich mich setze, sehe ich sie. Unter einem Busch. Gut versteckt, aber nicht sehr gut. Die Tasche. Plastik, sauber, blau, mit blassem Logo. Der Henkel eingerissen. Ich sehe mich um. Niemand in der Nähe. Hinten verschwindet ein Jogger unter der Brücke mit dem Rosa Luxemburg-Schriftzug.
Ich ziehe die Tasche aus dem Gebüsch zu mir auf die Bank. Ich öffne sie. Ich sehe Geld. Gebündelt. Hunderter, Fünfziger, Zwanziger, Zehner. Viel Geld. Vielleicht Hunderttausend. Vielleicht mehr. Ich sehe mich um. Niemand in der Nähe. Ich lehne mich zurück. Wäre ich Raucher, klemmte jetzt eine brennende Zigarette zwischen meinen Fingern. What the fuck. Ich überlege. Ich könnte die Tasche zur Polizei bringen. Kann sein, der Beamte lacht. Vielleicht auch nicht. Drogengeld? Klar, möglich. Oder es gehört der Stadt. Vielleicht auch dem Teufel.
Will auch sein, ein paar fiese Gestalten, mit denen ich keinen Stress brauche, haben die Tasche nur kurz abgelegt, stürzen aus dem Gebüsch, hauen mir aufs Maul und verschwinden mit der Kohle. Ich denke nach. Ich könnte ein Lama kaufen und ihm das beste Leben in Brandenburg ermöglichen. Mit Instagram-Account. @cashmereLama_Berlin. Andere Idee. Ich schmeiße das Papierzeug weg und behalte die schräge Tasche. Packe sie wie die anderen achtzig Plastiktaschen in meine Küche und fasse sie nie wieder an. Ich könnte die Scheine an Schnüre klemmen und in ein paar Bäume hängen.
„Geldbaumfestival 2025“ Live mit DJ und Pommesbude. Jeder kann pflücken. Solange der Vorrat reicht. Ich ziehe die Tasche näher zu mir, lege den Arm um sie. Ich könnte in die Spielbank marschieren und alles auf Rot setzen. Wenn ich verliere, war es nicht mein Geld. Wenn ich gewinne, gebe ich die Hälfte ins Fundbüro. Ich kaufe mir eine goldene Badewanne. Dazu Champagner. Der ploppt lässiger als piefige Bier-Kronkorken. Es geht ums Prinzip. Ich könnte alles in Zwei-Cent-Münzen umtauschen. Vor der Bank parken, die mir letztens den Kredit nicht geben wollte.

Mit einer Schubkarre das Geld zum Schalter schleppen und ein Konto eröffnen. Immer schön lächeln. Ich gründe eine Religion. Der Erste Tempel des Plastiksacks. Glaube an das Zufällige. Spende in Zwanzigern. Ich investiere das Geld in eine geheime Schatzsuche. Vergraben, Karte zeichnen, Jahre später vergessen. Netflix kauft mir die Rechte ab. Ich gebe die Tasche samt Inhalt beim Fundamt ab. Dann will ich schriftlich haben, dass ich nicht (!) auf meine Rechte nach § 973 BGB verzichte. Regelt den Eigentumserwerb des Finders nach sechs Monaten. Und nicht (!) auf meine Rechte nach § 971 BGB verzichte.
Betrifft den Finderlohn, falls sich jemand meldet. Ich gründe einen Pizzalieferdienst. Der nur an Häuser ohne Türschild liefert. Der Thrill ist das Konzept. Ich könnte einfach losrennen. Die Tasche unterm Arm. Keine Fragen. Nur laufen. Bis zum Meer. Probehalber hebe ich die Tasche an. Ich werde Pausen brauchen. Vielleicht kaufe ich ein altes Kino. Nenne es „BARGELD LACHT LICHTSPIELE“. Zeige nur Filme über Geld. Eintritt in Münzrollen. Ich starte einen Podcast. Thema: „Ich und die Tasche“. Jeden Dienstag. Mit wechselnden Gästen. Niemand weiß, ob es die Tasche gibt. Ich könnte es wie George Best halten.
Geld für Alkohol, Frauen und schnelle Autos ausgeben, den Rest verprassen. Ich verteile alles an Rentner, vor allem an Frauen, die in Mülleimern wühlen müssen. Ich könnte die Tasche wieder ins Gebüsch schieben. Ein Gebet sprechen. Vielleicht ist es ein Test. Vielleicht ist es ein Trick. Vielleicht ist es die Hölle. Tasche? Welche Tasche? Die Raben haben sich kaum bewegt. Und jetzt du. Was würdest du machen?
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