Mitten in der Wilhelmsaue, der Wiege des 1293 erstmals urkundlich erwähnten Angerdorfs Wilmersdorfs, steht ein Gebäude, das alles andere hier in der Gegend überdauert hat: das Schoeler-Schlösschen. 1752/53 errichtet, ist es das älteste Gebäude Wilmersdorfs – und zugleich der jüngste Kulturort im Kiez. Ein Haus mit wechselvoller Geschichte, das Dorfbrände, Kriege, Modernisierungswellen und politische Vereinnahmung überstand und nun wieder belebt wird. Vom Büdnerhaus zum Barockschlösschen Am Anfang dieser wechselvollen Geschichte steht der Wilmersdorfer Prediger Samuel Gottlieb Fuhrmann, dem König Friedrich II.
Mitte des 18. Jahrhunderts drei wüst liegende Hofstellen überschrieb mit der Auflage, dort Maulbeerbäume für die Seidenraupenzucht anzulegen. Das eingeschossige Fachwerkhaus, das Fuhrmann errichten ließ, war schlicht und bäuerlich und wurde schon ein Jahrzehnt später wieder abgerissen. Denn der Berliner Kaufmann Cornelius Adrian Hesse, der das bescheidene Büdnerhäuschen erwarb, ließ es 1765 durch ein Landhaus im barocken Stil ersetzen und einen Garten anlegen, der bis hinunter zum Wilmersdorfer See reichte. Als ein Jahr später ein Brand weite Teile des Dorfes zerstörte, blieb das Anwesen verschont.

Freigelegte Wandbemalung im Empfangszimmer Ein Ort der Sommerfrische Das Haus wechselte in den folgenden Jahrzehnten oft den Besitzer, blieb jedoch stets ein Ort jener repräsentativen Sehnsüchte, die Wilmersdorf bald groß machen sollten. Johann Georg Sieburg, ein Baumwollfabrikant mit enger Verbindung zum preußischen Hof, baute hier Färberkrapp an, um seine Stoffe leuchtend rot zu färben, die Bankiersfamilie Benecke ließ das Grundstück Anfang des 19.
Jahrhunderts im Stil englischer Landschaftsgärten umgestalten und empfing dort illustre Gäste zu Sommerfesten – unter ihnen wohl auch König Friedrich Wilhelm III. und den russischen Zaren Alexander. Der spätere Kultusminister Moritz August Bethmann-Hollweg, der das Anwesen 1826 erwarb, sprach von einem „reizenden Landhaus am See“, das er zwei Jahre später schon wieder verkaufte, weil er als Professor für Zivilrecht an die Universität Bonn berufen wurde.

Der nächste Besitzer, der kunstsinnige Bankier Wilhelm Zacharias Friebe, machte aus dem Garten mit exotischen Pflanzen wie Drachenlilien und Feigen eine botanische Sensation. Vom Landhaus zur Vorstadtvilla Mit dem Aufstieg Berlins zur Großstadt wuchs auch der Druck auf das dörfliche Wilmersdorf. Während noch in den 1850er-Jahren eine Mühle, Schafställe und Gänsepfuhle das Ortsbild bestimmten, kündigte der Hobrecht-Plan 1862 schon die urbane Expansion an, zehn Jahre später verband ein öffentlicher Pferdeomnibus Wilmersdorf mit Berlin.
Badeanstalten und Vergnügungslokale eröffneten am Wilmersdorfer See, der 1915 wegen zunehmender Verlandung zugeschüttet und zu einer Grünfläche im Volkspark Wilmersdorf wurde. Ab 1892 entstanden in Sichtweite des durch den Spirituosenfabrikant August Wilhelm Kahlbaum zur Villa Elisienhof avancierten Landhauses die ersten Mietskasernen. 1893 erwarb der stadtbekannte Augenarzt Heinrich Schoeler das Anwesen, das seither seinen Namen trägt. Anders als seine Vorgänger nutzte er es mit seiner Familie ganzjährig als Wohnsitz, ließ Gewächshäuser, ein Palmenhaus und einen Tennisplatz anlegen.

Im Innern blieb alles altmodisch-behaglich: keine Elektrizität, keine Zentralheizung, kein Telefon. Während drumherum die Einwohnerzahl Wilmersdorfs explodiert – von 14 000 im Jahr 1895 auf über 100 000 im Jahr 1910 – blieb die Zeit im Schlösschen stehen. Vom Heim der Hitlerjugend zur Kindertagesstätte In der Inflationszeit verkauften Schoelers Erben das Anwesen an einen New Yorker Kaufmann, der es nach Stabilisierung der Währung nur wenige Zeit später Blick ins sanierte, barrierefreie Foyer Pläne und Fotografien zur Geschichte des Hauses.
In der Bildmitte sieht man die aufgestockte Variante mit halb abgebranntem Dach lukrativ an eine Grundstücksverwertungsgesellschaft weiterverkaufte, die es schließlich an eine gemeinnützige Aktiengesellschaft weiterreichte, die 1930 auf dem Gelände mit dem Bau von 300 Kleinwohnungen in 16 mehrgeschossigen Wohnblöcken begann. Das heruntergekommene Schoeler-Schlösschen konnte durch Proteste aus der Nachbarschaft vor dem Abriss bewahrt werden, das Haus und Teile des ehemaligen Parks wurden der Stadt übertragen, die das Gebäude dem kommunalen Jugendamt überließ.

Die Winterhilfe richtete hier Nähstuben ein, der Segelflugverein baute hier Modelle. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde das Haus um ein weiteres Geschoss aufgestockt, Zentralheizung und elektrische Beleuchtung installiert. Im November 1935 wurde das sanierte Gebäude als Heim der Hitlerjugend an die nationalsozialistische Jugendorganisation übergeben, die hier lokalgeschichtliche Ausstellungen zeigte und Gemeinschaftsabende veranstaltete. Im Krieg wurde das Gebäude durch Bombentreffer beschädigt, das Dach brannte zur Hälfte ab.

In das notdürftig wiederhergestellte Schlösschen zog nach Kriegsende ein Jugendklub, der die Räumlichkeiten wenig später für eine Kindertagesstätte räumte, die ein halbes Jahrhundert dort blieb. Zwischen Verfall und Aufbruch Nach einem Brand 2003 stand das Gebäude einige Jahre leer, ehe die Stiftung Denkmalschutz zum Zwecke der Sanierung das Gebäude im Rahmen eines Nießbrauchvertrags übernahm. Das zweite Obergeschoss aus dem Jahr 1935 wurde zurückgebaut, die barocke Fassade wieder hergestellt. Weitere Sanierungsvorhaben scheiterten am Geld.
Pläne, die Bibliothek des Altbundespräsidenten Johannes Rau hier unterzubringen, wurden ad acta gelegt, da der Innenausbau nicht in Angriff genommen wurde. Bürgerinitiativen forderten ein Nutzung als soziokulturelles Zentrum, das Bezirksamt rang um Nutzungspläne, band die Nachbarschaft in die Überlegungen mit ein. Währenddessen wurde das Haus unter dem Titel SCHOELER.Berlin als temporärer Kunstort mit Kunstvermittlungsangeboten bespielt. Das älteste Haus als neuester Kulturort In der Coronazeit begann schlussendlich die umfassende, barrierearme Sanierung des Gebäudes – gefördert durch Bundesmittel und den Bezirk.

Im Juli 2025 war es so weit: Das Schoeler-Schlösschen öffnete als neuer Blick in die Ausstellung Quadrat ist Modern. Stadtumbau 1960–1980 Ute Lindners Skulptur Le Bombyx kommunaler Kulturort seine Türen. Das Programmangebot in den in verschiedensten Pastelltönen gehaltenen Räumen ist noch überschaubar: zwei Kulturveranstaltungen pro Monat, einige künstlerische Workshops mit Frühstücksoption, ein wöchentlicher Kreativspielplatz. Im Obergeschoss können zwei Ausstellungen besichtigt werden, die eine über Wilmersdorfer Plattenbauten, die andere mit Fotografien, die im Rahmen eines Workshops entstanden sind.
Eine rudimentäre Ausstellung zur Geschichte des Ortes findet man im Erdgeschoss. Immerhin erfährt man dort, was es mit der kürzlich im Vorgarten des Schlösschens aufgestellten Skulptur auf sich hat. Le Bombyx (der Seidenwurm) schließt den Kreis zu den Anfängen des Ortes, als hier Seidenraupen gezüchtet wurden. Die Künstlerin Ute Lindner nimmt mit ihrer Skulptur aus weißlackiertem Acrylharz Bezug auf das Scheitern der Seidenproduktion, indem sie dem Ort ein Seidentuch schenkt. Ein Geschenk an die Nachbarschaft soll nun dieses Haus werden.

Auf der Website lädt man ein, „gemeinsam zu gestalten, zu forschen, zu gärtnern oder einfach nur zu sein“: ein offenes Versprechen für Wilmersdorf und darüber hinaus. Wir drücken die Daumen, dass es sich alsbald mit Ideen und Konzepten – und schlussendlich auch mit Leben füllt.
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