Jan Baréz ist drei Jahre alt, als seine Familie Karlsruhe verlässt und nach Berlin zieht. In Zehlendorf wächst er auf, Berlin wird sein Zuhause. Wer ihm heute begegnet, lernt einen ruhigen, zugewandten Mann kennen. Er sucht Lösungen, statt über Schwierigkeiten zu klagen, gibt nicht vorschnell auf und bleibt mit beiden Beinen auf dem Boden. Selbst nach mehr als fünf Jahrzehnten im Beruf ruht er sich nicht auf seiner Erfahrung aus. Aber halt: Unsere Geschichte beginnt viel früher. Wir müssen zurück ins Jahr 1931. Damals eröffnet Augenoptikermeister und Fototechniker Guntram Schäfers sein Fachgeschäft in der Wilmersdorfer Blissestraße. Im Krieg fällt die Häuserzeile den Bomben zum Opfer – mit ihr das Geschäft. Der Verlust könnte das Ende sein.
Doch Schäfers nimmt all seine Kraft zusammen und beginnt 1945 von vorn: erst mit einer Werkstatt in seiner Wohnung, noch im selben Jahr in einem bescheidenen Geschäft. 1955 zieht der Betrieb auf die gegenüberliegende Straßenseite, in den Neubau an der Blissestraße 20a. Dort ist er bis heute.
Vom Lehrling zum Inhaber
Zwanzig Jahre später treffen die beiden Geschichten aufeinander. Jan Baréz hat die Schule beendet und sucht nach einem Beruf. Eine Bekannte der Familie bringt ihn auf die Augenoptik und vermittelt ihm eine Lehrstelle bei Schäfers Söhne. 1975 betritt der 16-Jährige das Geschäft in der Blissestraße. Es wird ein Glücksfall für beide Seiten. Jan Baréz findet einen Beruf, der ihn nicht mehr loslassen wird. Das Geschäft wiederum findet einen jungen Mann, der durch Wissbegierde, Beharrlichkeit und handwerkliche Begeisterung auffällt. Er begnügt sich nicht damit, einzelne Handgriffe nachzuahmen. Er will das Handwerk in all seinen Zusammenhängen verstehen und üben, bis er es beherrscht. Der Firmengründer fertigt damals komplette Brillenfassungen von Hand. Jan Baréz schaut ihm zu, lernt und baut eigene Fassungen.

„Gefühlt die hundertste Brille“, erinnert er sich, sei so gut gewesen, dass sie einem Kunden verkauft werden konnte. Aus dem Lehrling wird ein Geselle. Einige Zeit arbeitet Jan Baréz in Kiel, dann kehrt er zurück und besucht die Meisterschule. 1979 übernimmt Eberhard Schäfers, der Sohn des Gründers, den Betrieb. Am 26. Mai 1989 legt Jan Baréz seine Meisterprüfung ab und wird noch im selben Jahr Geschäftsführer. Eberhard Schäfers’ Kinder zieht es nicht in die Augenoptik, Jan Baréz dagegen ist längst mit dem Geschäft verwachsen. Im Jahr 2000 übernimmt er Schäfers Söhne – ein Vierteljahrhundert nach seinem ersten Arbeitstag. Seit rund 20 Jahren gehen Jan und Claudia Baréz gemeinsam durchs Leben. Während der Coronazeit geht eine langjährige Mitarbeiterin in den Ruhestand. Weil Fachkräfte kaum zu finden sind, steigt Claudia Baréz mit ihrem kaufmännischen Hintergrund ins Unternehmen ein.
Sie übernimmt Organisation und Betriebswirtschaft, Jan Baréz Handwerk und Technik. „Der Motor der Firma ist mein Mann“, sagt sie. Längst hat sie selbst ein Gespür dafür, welche Fassung zu welchem Gesicht passt. Im Geschäft ergänzen sie sich, zu Hause bleibt die Ladentür gedanklich geschlossen. Zwischen
Handwerk und Hightech

In mehr als fünf Jahrzehnten hat sich die Augenoptik grundlegend verändert. Zur Handarbeit kamen hochpräzise Messtechnik und digital berechnete Gläser. Jan Baréz hat diese Entwicklung aufmerksam verfolgt und immer wieder investiert. Er besucht Fachmessen, tauscht sich mit Kollegen aus und schaut auf Reisen in andere Optikgeschäfte. Er will wissen, was besser geht. Den eigenen Laden modernisierte er behutsam: Er sollte mit der Zeit gehen, ohne sein vertrautes Gesicht zu verlieren. Sein wichtigstes Werkzeug bleibt der genaue Blick auf den Menschen. Kein Gesicht ist vollkommen symmetrisch; Nasen, Ohren und Augenabstände unterscheiden sich. Deshalb beginnt die Beratung nicht am Regal, sondern bei Alltag und Sehgewohnheiten: Wird die Brille zum Lesen, Autofahren oder am Bildschirm gebraucht? Welche Form passt zum Gesicht? Das kann eine bis anderthalb Stunden dauern.
Jedes Auge ist so individuell wie ein Fingerabdruck. Moderne Sehanalyse liefert Werte für individuell berechnete Gläser. Dann beginnt in der Werkstatt die Feinarbeit. Während viele Betriebe das Einschleifen zentralen Dienstleistern überlassen, arbeitet Jan Baréz die Gläser selbst in die Fassungen ein – im Tausendstelbereich und mit dem späteren Träger vor Augen. Zentrierung, Fassung und anatomische Anpassung müssen zusammenspielen. Erst dann wird aus moderner Technik gutes Sehen. „Innovative Technologie und traditionelles Handwerk sind die Grundpfeiler unserer Arbeit“, sagt Jan Baréz. Dazu gehört für ihn auch, nicht vorschnell aufzugeben. Ist eine ältere, hochwertige Fassung beschädigt, wird in der Werkstatt repariert, angepasst und nach Ersatzteilen gesucht. Manche Kunden lassen seit 20 Jahren neue Gläser in dieselbe Fassung einsetzen, weil sie sich mit keiner anderen so wohlfühlen.
Wegwerfen ist hier nicht die erste Antwort. Bei der kostenlosen Brilleninspektion kontrolliert Jan Baréz die Fassung, justiert bewegliche Teile, prüft Gläser und Material und ersetzt bei Bedarf Nasenauflagen oder Bügelenden. Er empfiehlt den Besuch alle sechs Monate. Denn eine Brille erlebt einiges: Man setzt sie einhändig ab, schläft auf dem Sofa mit ihr ein oder trägt sie täglich viele Stunden. Oft genügen präzise Handgriffe, damit sie wieder richtig sitzt. Der Service endet nicht an der Ladentür. Kann ein Mensch nicht ins Geschäft kommen, fährt das Geschäft zu ihm. Hausbesuche waren früher selbstverständlich, heute sind sie selten. Schäfers Söhne besitzt eine mobile Ausrüstung für die Augenglasbestimmung zu Hause. Trotz des Aufwands fahren die Fachleute zu ihren Kunden – vor allem im Berliner Süden, bei Bedarf darüber hinaus.

Zum Team gehört Ralf Rohland, Spezialist für vergrößernde Sehhilfen. Wird das Sehvermögen etwa durch eine Makuladegeneration stark eingeschränkt, reicht eine gewöhnliche Brille oft nicht mehr. Dann braucht es besondere Hilfsmittel und Zeit – mit dem Ziel, möglichst viel Selbstständigkeit im Alltag zu erhalten. Rohland widmet sich diesen Beratungen dienstags; auch Jan Baréz ist darin erfahren. Schlechteres Sehen kommt selten über Nacht. Oft lässt die Sehschärfe so langsam nach, dass Menschen sich an die Unschärfe gewöhnen und die Veränderung kaum bemerken. Dann braucht es manchmal einen Anstoß von außen. Claudia erzählt von einer Frau, die keine Brille zu benötigen glaubte. Ihr Mann gab den Anstoß zu einer sorgfältig angepassten Gleitsichtbrille. Heute gehört sie selbstverständlich zu ihrem Alltag. Andere Kunden kommen nach Tagen wieder, nur um Danke zu sagen.
Dann weiß Jan Baréz: „Man hat einen guten Job gemacht.“
Nähe, die über Jahre wächst

Über Jahrzehnte entsteht eine Nähe, die keine Kundenkartei abbilden kann. Familien kommen in dritter Generation. Jan Baréz hat manchen Kunden als Lehrling bedient und berät heute dessen Enkel. Selbst Kunden, die nun in Kanada oder anderswo leben, vereinbaren bei Berlinbesuchen Termine in der Blissestraße. Reicht die Zeit bis zur Abreise nicht, wird die fertige Brille nachgeschickt. Andere stecken nur den Kopf durch die Tür, wenn sie vorbeikommen. Sie wollen nichts kaufen, nur Hallo sagen. Manchmal erzählen Kunden, was sie belastet: Krankheit, eine hohe Rechnung, Sorge vor der Zukunft. Dann wird zugehört, auch länger. In seinem Beruf gebe es gute und schwierige Jahre, berichtet Jan Baréz. Sein Rezept: vernünftig und mit beiden Beinen auf dem Boden bleiben, Lösungen finden. Haben Menschen weniger Geld, braucht es Angebote für ihre Situation. Jammern hilft niemandem.
Diese Haltung passt zur Blissestraße. Einst war sie voller inhabergeführter Geschäfte; vieles ist verschwunden. Die Nachbarn unterstützen sich: Man bestellt beim Kunstwerk Blisse, beauftragt den Drucker um die Ecke, trinkt gegenüber Kaffee. Die Fahrschule schickt junge Leute für biometrische Passbilder herüber, Hausbewohner achten in der Silvesternacht auf das Geschäft. Keine Werbegemeinschaft, sondern gelebte Nachbarschaft. 2031 wird Optiker Schäfers Söhne 100 Jahre alt. Jan und Claudia Baréz wollen dieses Jubiläum in der Blissestraße feiern. Bis dahin wird vermessen, geschliffen, repariert, beraten, gelernt und zugehört – so, wie Jan Baréz es seit 1975 hält. Die Geschichte des jungen Lehrlings und die des alten Fachgeschäfts sind längst nicht mehr voneinander zu trennen. Und beide sind noch nicht zu Ende erzählt. ■
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