Die Sonne steht über dem Hinterhof wie eine gutgelaunte Pförtnerin. Nicht aufdringlich, eher: „Na, ick wär dann mal da.“ Eine leichte Brise schiebt sich durchs angekippte Fenster und spielt mit der Gardine, die aussieht wie ein erschöpfter Geist aus einer Drittklassoperette. Jakob liegt im Bett und denkt angestrengt an nichts. Er streckt sich. Er dehnt sich. Er springt in der Fantasie durch sonnige Parks, trinkt Kaffee mit freundlichen Ladies und führt bedeutungslose Gespräche über Sardinien. Ein guter Morgen. Wenn die Beerdigung nachher nicht wäre. „Last Call, Onkel Erwin“, murmelt er zur Zimmerdecke.
Jakob zieht sich langsam an. Schwarz natürlich. Zumindest das, was in seinem Schrank am ehesten an Schwarz erinnert. Die Hose hat einen traurigen Auberginenton, und das Hemd wirkt, als wäre es von einem depressiven Zauberer geerbt worden. Im Badezimmer mustert er sich im Spiegel. „Du siehst aus wie ein Feuilletonist auf Entzug.“ Das Telefon vibriert. Mila. Natürlich Mila. Mila trägt ihre Haare raspelkurz, ihre Stiefel schwer und ihre Urteile leicht. Sie arbeitet als Restauratorin, flucht wie ein Lastwagenfahrer und kann Männer mit einem einzigen Blick in den emotionalen Vorruhestand schicken.
„Du pennst noch?“ „Ich meditiere.“ „Hör zu“, sagt sie. „Die Beerdigung heute wird unerquicklich.“ „Wegen der Trauer?“ „Nee. Wegen der Familie.“ Das versteht Jakob sofort. Die Familie von Onkel Erwin besteht aus Menschen, die bei Erbschaften plötzlich religiös werden. Sie glauben fest an Wunder und fremdes Geld. Der Friedhof liegt still unter den Bäumen. Nur die Krähen wirken, als erwarteten sie ein Buffet. Vor der Kapelle lehnt Cousin Ronald am Gestein. Ronald hat den Körper eines schlecht gelaunten Kühlschranks und trägt einen Bart wie ein angeklebtes Hamsterfell.
„Na“, sagt Ronald und drückt Jakob die Hand mit der Zärtlichkeit eines Schraubstocks, „auch gekommen.“ „Gehört sich doch wohl.“ Ronald schnaubt. „Mal sehen, wat sich nachher noch alles gehört.“ Das Erbe schleicht wie ein unangenehmer Geruch durch die Trauerplaudereien. Neben Ronald steht seine Frau Mandy, deren Lippen aussehen, als hätten zwei Bratwürste geheiratet. Sie lächelt ohne jede Beteiligung des Gesichts. „Erwin wollte ja immer Gerechtigkeit“, säuselt sie. „Dann wird er heute schwer enttäuscht“, meint Mila, die hinter Jakob auftaucht und sich eine Zigarette hinters Ohr klemmt.
Mila trägt einen dunkelgrünen Herrenanzug mit goldenen Knöpfen. Wie ein Admiral auf Wochenendurlaub. Zehnmal besser als alle anderen zusammen. Die Zeremonie beginnt unerquicklich und nimmt Fahrt auf. Der Pfarrer spricht über „ein erfülltes Leben“, obwohl jeder weiß, dass Onkel Erwin dreißig Jahre lang Pfandbons gefälscht hat und einmal Hausverbot im KaDeWe bekam. Hummer in der Aktentasche geht auch gar nicht. Nach der Rede räuspert sich Ronald bedeutungsvoll. „Dann sollten wir vielleicht mal über die Wohnung sprechen.“ Mila zieht eine Augenbraue hoch. „Wie rührend.

Der Tote is kaum kalt und ihr fangt schon an wie Hyänen mit Bausparvertrag.“ „Du musst hier nich frech werden“, sagt Mandy. „Doch“, sagt Mila ruhig. „Muss ick.“ Ronald verschränkt die Arme. „Erwin hat mir schon vor Jahren versprochen, dass ich die Wohnung kriege.“ „Ach?“ Mila greift in ihre Manteltasche. „Komisch.“ Sie zieht einen zerknitterten Umschlag hervor. „Wat’n dit?“, fragt Ronald misstrauisch. „Dit“, sagt Mila und lächelt zum ersten Mal, „ist Erwins Testament. Ganz frisch.“ Stille. Sogar die Krähen scheinen kurz interessiert. Ronald wird blass. Mandy sieht nach Krawall aus.
Mila liest vor: „Meine Wohnung geht an Mila. Erstens, weil sie die Einzige ist, die mir gelegentlich Suppe gekocht hat. Zweitens, weil Ronald mir meinen Akkuschrauber nie zurückgegeben hat.“ Jakob tarnt sein Lachen mit einem Huster. Ronald japst: „Dit kann ja jeder schreiben!“ „Nee“, sagt Mila trocken. „Erwin nich mehr.“ Der Pfarrer verschluckt sich hörbar. Und dann geschieht etwas Wunderbares. Mandy dreht sich langsam zu ihrem Mann. „Moment mal“, sagt sie.
„Du hast wirklich seinen Akkuschrauber geklaut?“ „Dit war geliehen!“ „Seit sieben Jahren?“ „Ick wollt ihn zurückbringen!“ „Ronald“, sagt Mandy mit einer Ruhe, die bereits nach Scheidungsanwalt riecht, „du bist so peinlich.“ Und stöckelt davon. Einfach so. Mitten über den Friedhof. Auf hohen Absätzen. Ronald sieht ihr nach wie ein ausgesetztes Hündchen. Fehlt noch, dass er winselt. Mila steckt das Testament weg und zündet sich seelenruhig eine Zigarette an. „Na siehste“, sagt sie zu Jakob. „Man muss det Leben nur lange genug beobachten.
Irgendwann machen sich die Idioten von alleine kaputt.“ Die Sonne scheint noch immer freundlich über den Friedhof. Und ehrlich gesagt: Für eine Beerdigung ist es ein erstaunlich guter Morgen.
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