Ein Nachmittag, so leicht und flirrend, dass einem der Himmel wie Himbeersorbet vorkommt. Die Menschen sitzen draußen, ähnlich kleinen Figuren aus Zuckerguss, mit vergnügtem Geklapper der Kuchengabeln. Nur ich – der Eislöffel – liege scheinbar etwas verloren zwischen Obsttorten, Sahnetupfen und Streuseln. Aber nur scheinbar. Man muss wissen: Die Tortengabeln halten sich für etwas Besseres. Sie sind spitz, zweckmäßig, proper und kantig und wissen, dass ihre Stunde bei der Erdbeertorte schlägt. Kleine, feine, silberne Mordwaffen. Sie zerstückeln ihre Sahneschnitten, ihre Schokoladenträume, ihre gedeckten Apfeltorten mit
einer Präzision, die an chirurgische Eingriffe erinnert. Jedes Stückchen muss exakt sein, jeder Bissen berechenbar. Ordnung muss sein, selbst im Paradies. Ich dagegen, lang und schlank, glatt, wohlgerundet und immer leicht gekühlt, ich gehöre den sommerlichen Eisfreuden. Die Torten flüstern oft nur in gedämpftem Ton von Kalorien. Die Kuchengabeln hören dann immer weg. Das Thema ist ihnen peinlich. Als müssen sie für die Gelüste der Gäste einstehen. Ich hingegen spreche vom Schmelzen, von der Erfrischung zwischen den Lippen. Ich kann die verführerische Eiseskälte auf der Zunge, die zurückhaltende Süße, den herrlich flüchtigen Sommer auf einmal umfassen. Ich kann geschmeidig die Eiskugeln mit meiner leichten Rundung auflösen, ich kann mit der Laffe – und nur wirkliche Kenner-Könner wissen, dass die Vertiefung eines Löffels Laffe heißt – glückselige Eis-Augenblicke spielerisch schöpfen. Nicht stechen, rüde zerteilen und Krümel hinterlassen. Meine Familie, die wunderbare Familie der Eislöffel, ist weit verzweigt. Da klappert manchmal ein naher Verwandter zwischen den Kugeln, der an einen Teelöffel erinnert. Ein anderer ist vorne breit geformt, einem Spaten ähnlich. Für jeden Becher aber, ob von Sahne gekrönt oder nicht, sind wir zuständig. Lang, schmal, elegant. Grandezza des kühlen Genusses. Cousins von mir sehen mir ähnlich wie Zwillinge. Und doch nennen sie sich Cocktaillöffel, schwimmen in hohen Gläsern, entlocken Eisstücken in bunten Flüssigkeiten mit ihren wirbelnden Melodien Verheißungen der heißen Nacht. Ein ganz spezieller Verwandter ist der Gourmet-Löffel. Er gehört zwar zu uns, kommt aber aus einer ganz anderen Ecke. Er ist groß, fast wie ein Suppenlöffel. Für den Eisgenuss daher beinahe unbrauchbar. Es sei denn, jemand möchte das Eis gleich aus dem Familienbecher schaufeln, ohne Umweg über eine Schale. Oben, an der Rundung, fehlt dem Gourmetlöffel ein auffälliges Stück. Als hätte jemand abgebissen. Das ist seine Besonderheit, auf die er sich unendlich viel einbildet. Aus dieser Ecke schlürft der Gourmet. Nur eben nichts Gefrorenes. Eine junge Frau unterbricht meine Familienerinnerungen, leicht und weich wie Vanilleeis, mit einem Lächeln, das die Sahne wäre. Sie bestellt einen Becher Sorbet und wählt aus dem bereitstehenden Besteckkasten ganz selbstverständlich mich, die elegante Zierde des Eises. Aufgebracht zischeln die Tortengabeln „wie gewöhnlich!“. Als wären sie überhaupt nur in die Nähe einer Auswahl gekommen. Die junge Frau setzt sich mit mir auf eine nahegelegene Bank. Vor uns wirbelt ein Brunnen Fontänen in die Luft. Unsere ganz persönliche, unendliche Eislandschaft des Tages. Die Sonne knistert, der Wind schmeckt nach Waffeln und von den Bänken neben uns höre ich das fröhliche Lachen der Löffel, die an diesem Tag die Hauptrolle spielen. Es ist, als wandere ich mit der jungen Frau über sahnige Berge und karamellene Täler. Die Liebe schmeckt ein wenig nach Pistazie. Als der Tag vergeht und der Himmel in Erdbeerrot und Heidelbeerblau versinkt, weiß ich: In einer Welt der Tortengabeln bin ich ewig der Eislöffel. Und das ist gut so.

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