Wer auf einer Insel lebt, erwartet Wasser. In Schöneberg braucht es dafür Eisenbahnschienen. Zwischen Bahntrassen liegt südlich des Schöneberger Zentrums ein Stück Berlin, das lange tatsächlich von seiner Umgebung abgeschnitten war. Ein paar Straßen, Mietshäuser, Hinterhöfe und mittendrin eine erstaunliche Ansammlung Berliner Geschichte. Hier wurde Marlene Dietrich geboren, hier wuchs Hildegard Knef auf, hier verkaufte der Widerstandskämpfer Julius Leber Kohlen. Hier lebten Eisenbahner und Arbeiterfamilien, Sozialdemokraten und Kommunisten. Und gleich nebenan richtete die SA 1933 eines ihrer frühen Gefängnisse ein. Die Gegend bekam einen Namen, der bis heute geblieben ist: die Rote Insel.
Woher er genau stammt, lässt sich nicht mehr zweifelsfrei klären. Dafür gibt es eine schöne Geschichte. 1878 soll ein Bierbrauer in der damaligen Sedanstraße eine rote Fahne aus seinem Fenster gehängt haben. Berlin war zu dieser Zeit anlässlich der Rückkehr Kaiser Wilhelms I. nach einem Attentat festlich beflaggt. Während überall die Farben des Kaiserreichs wehten, soll auf der späteren Roten Insel demonstrativ das rote Tuch gehangen haben. Ob es wirklich so war? Belegt ist die Geschichte nicht. Sie gehört zu jenen Berliner Legenden, die vermutlich deshalb so lange überleben, weil sie perfekt zu ihrem Ort passen. Denn rot war die Insel tatsächlich. Im 19. Jahrhundert wuchs Schöneberg rasant.
Eisenbahn, Gaswerk und Industriebetriebe brauchten Arbeitskräfte. Für sie entstanden Mietshäuser und Hinterhöfe. Die Bahnlinien bildeten Grenzen, und innerhalb dieser Grenzen entwickelte sich ein ausgeprägtes Arbeitermilieu. Gewerkschaften, SPD und später KPD hatten hier starken Rückhalt.
Mitten in diesem Viertel wurde am 27. Dezember 1901 ein Mädchen geboren, das später zu den berühmtesten Deutschen überhaupt gehören sollte: Marlene Dietrich. Damals hieß die heutige Leberstraße noch Sedanstraße. Dietrichs Vater Louis Erich Otto Dietrich war Polizeileutnant, die Familie ihrer Mutter betrieb ein angesehenes Juweliergeschäft. Marlene wuchs also keineswegs in den ärmlichen Verhältnissen vieler Arbeiterfamilien
ihrer Nachbarschaft auf. Sie lernte Geige und wollte zunächst Musikerin werden, dann kam die Schauspielerei. 1930 machte Josef von Sternbergs Der blaue Engel sie zum internationalen Star, im selben Jahr ging sie nach Hollywood. Als die Nationalsozialisten später versuchten, die berühmte Deutsche zurückzuholen, lehnte Dietrich ab. 1939 nahm sie die amerikanische Staatsbürgerschaft an, während des Krieges trat sie für amerikanische Soldaten auf. Und Dietrich blieb nicht der einzige große Name dieser Straße. Einige Jahrzehnte später wuchs Hildegard Knef ebenfalls auf der Roten Insel auf.

Ihre Familie zog 1926 nach Berlin, Knef verbrachte einen großen Teil ihrer Kindheit in Schöneberg und lebte in der heutigen Leberstraße. Auch sie wurde Schauspielerin, auch sie ging nach Hollywood, auch sie wurde zu einer der bekanntesten deutschen Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts. Zwei der berühmtesten deutschen Schauspielerinnen – verbunden durch ein paar hundert Meter Schöneberger Straße. Doch noch ein dritter Name gehört untrennbar hierher: Julius Leber. Der Journalist, Sozialdemokrat und Reichstagsabgeordnete wurde nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 verhaftet und anschließend jahrelang in den Konzentrationslagern Esterwegen und Sachsenhausen festgehalten.
Als er 1937 freikam, konnte er seine politische und journalistische Arbeit
nicht einfach wieder aufnehmen. Also wurde der Reichstagsabgeordnete Kohlenhändler. Gemeinsam mit Gustav Dahrendorf übernahm Leber 1939 eine Kohlenhandlung in der Torgauer Straße. Zwischen Kohlesäcken, Rechnungen und Lieferungen trafen sich Gegner des NS-Regimes. Leber knüpfte Kontakte zu verschiedenen Widerstandsgruppen, gehörte zum Kreisauer Kreis und stand auch mit den Männern um Claus Schenk Graf von Stauffenberg in Verbindung. Die Kohlenhandlung war Geschäft und Tarnung zugleich. Ende März 1944 traf eine Bombe das Gelände schwer. Das Büro wurde zerstört und auf die gegenüberliegende Straßenseite verlegt. Der Kohlenhandel ging weiter – und der Widerstand ebenfalls.
Nur wenige Monate später wurde Leber zum Verhängnis, dass er versuchte, Kontakte zu kommunistischen Widerstandskreisen aufzubauen. Unter seinen Gesprächspartnern befand sich ein Gestapo-Spitzel. Am 5. Juli 1944 wurde Julius Leber verhaftet, zwei Wochen vor dem Attentat auf Hitler. Der Volksgerichtshof verurteilte ihn zum Tode. Am 5. Januar 1945 wurde Julius Leber in Berlin-Plötzensee hingerichtet. Damit hätte die Geschichte der Kohlenhandlung enden können. Tat sie aber nicht. Nach dem Krieg kehrte Annedore Leber an den Ort zurück, an dem ihr Mann gearbeitet und Widerstand organisiert hatte.

Ende der 1940er-Jahre nahm sie den Kohlenhandel wieder auf und gründete dort zugleich ihren Mosaik-Verlag. Aus dem Versteck des Widerstands wurde ein Ort der Erinnerung. Annedore Leber veröffentlichte Bücher über Demokratie und die Gegner des Nationalsozialismus. 1954 erschien ihr Werk über die Männer und Frauen des 20. Juli. Dort, wo wenige Jahre zuvor zwischen Kohlesäcken heimlich über ein Deutschland nach Hitler gesprochen worden war, wurde nun öffentlich über diejenigen geschrieben, die dafür ihr Leben riskiert hatten. Die heutige Leberstraße trägt seit 1957 den Namen Julius Lebers. Nur wenige Minuten entfernt erinnert ein anderer Ort daran, was Menschen wie Leber bekämpften.
In der General-Pape-Straße richtete die SA 1933 in einem ehemaligen Militärgebäude ein Gefängnis ein. Es gehörte zu den frühen Haft- und Folterstätten der Nationalsozialisten in Berlin. Hunderte politische Gegner wurden dort eingesperrt und misshandelt: Kommunisten, Sozialdemokraten und Gewerkschafter. Heute befindet sich dort der Gedenkort SA-Gefängnis Papestraße. Die Kellerräume sind erhalten geblieben. An den Wänden finden sich noch Spuren und Inschriften von Gefangenen. Und dann steht über all diesen Geschichten noch immer das Wahrzeichen der Insel: der Gasometer. 1910 fertiggestellt, ragte das mehr als 70 Meter hohe Stahlgerüst des Gasbehälters über das Schöneberger Gaswerk und die umliegenden Häuser. Generationen von Bewohnern sahen es aus ihren Fenstern. Bis 1995 wurde hier Gas gespeichert. Das Gerüst blieb und gehört heute zum EUREF-Campus. Wo einst das Gas für die wachsende Industriestadt gespeichert wurde, beschäftigen sich heute Unternehmen und Forschungseinrichtungen mit Energie und Mobilität. Auch die Rote Insel selbst hat sich verändert. Aus dem Arbeiterquartier wurde ein begehrter Kiez. Werkstätten verschwanden, Cafés kamen, Wohnungen wurden saniert und teuer. Die Gleise aber sind geblieben.
Und innerhalb ihrer Grenzen liegen noch immer erstaunlich viele Geschichten auf erstaunlich wenig Raum. Marlene Dietrich wurde hier geboren. Hildegard Knef wuchs hier auf. Julius Leber organisierte hier Widerstand gegen Hitler, Annedore Leber bewahrte anschließend die Erinnerung daran. Wenige Straßen weiter wurden politische Gegner von der SA eingesperrt und gefoltert. Über allem stand der Gasometer. Man kann an all diesen Orten an einem Nachmittag vorbeilaufen. Vielleicht ist genau das die Rote Insel: kein Berliner Viertel, das mit seinen Geschichten protzt. Man muss sie kennen, um sie zu sehen. Wasser braucht diese Insel dafür bis heute nicht.
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