November-Niesel in der Wilmersdorfer. Die Bäckerei zwischen Gründerzeitgebäude und Ackerbürgerhaus ist warm, voll von Stimmen, Tassenklirren und dem Duft nach Brot und Süßem. Draußen Regen, drinnen das Murmeln fremder Gespräche. Eine Weile stehe ich unschlüssig vor den Tischen, die alle besetzt sind. Dann frage ich sie, ob ich mich zu ihr setzen darf. Sie sieht schnell von ihrem Handy auf, nickt. Sie nennt sich Alenja. Ein Fantasiename, sagt sie und hebt das Smartphone hoch. Sie lächelt ein kurzes Lächeln. Ich mag, wie sie das sagt.

Mit dieser kleinen Unabhängigkeit, die Menschen haben, die einmal zu viel enttäuscht wurden. Sie ist keine junge Frau. Aber da ist nichts Müdes an ihr. Ihr Haar glänzt, sorgfältig gelegt, der Lippenstift matt, fast zurückgenommen. An ihrem Hals funkelt der schmale Schmuck nur, wenn das Licht richtig fällt. Sie erklärt, warum sie das Handy kontrolliert. Es geht um ein Kleid. Sie will es verkaufen. Sie spricht von ihrem Kleid, beiläufig, als wäre es eine Sache wie jede andere. „Ich bin beim Putzen darüber gestolpert“, sagt sie. „Das alte Hochzeitskleid.“ Ich frage, ob schneeweiß mit langem Schleier.

Sie sieht mich an, als wäre das eine naive Frage. „Schwarz“, sagt sie. „Mein Hochzeitskleid war schwarz. Nicht meine erste Ehe. Weiß hätte gelogen.“ Der Satz bleibt zwischen uns stehen. Sie sieht hinaus in den Regen. Tropfen laufen in feinen Linien an der Scheibe herab, ziehen Spuren, die sich sammeln und wieder trennen. „Ich habe es viel zu lange aufgehoben“, sagt sie. „Keine Ahnung, warum. Vielleicht, weil man Dinge, die wehgetan haben, nicht gleich loslassen will. Vielleicht, weil sie etwas von einem wissen.“ Sie trinkt einen Schluck Kaffee. Ich sehe, wie ihre Finger den Henkel der Tasse halten.

Ruhig, kontrolliert. Der Nagellack ist dunkelrot, fast schwarz. „Jetzt verkaufe ich es“, sagt sie. „Ich habe es fotografiert. Auf einem Bügel drapiert, wie man das macht. Und etwas dazu geschrieben.“ Sie lässt mich den Text lesen. „Ich habe dieses Kleid nur zweimal zu festlichen Anlässen getragen. Es fällt weich und kaschiert das, was wir Curvy-Frauen kaschieren möchten. Nach unten hin wird es schmäler und macht eine schöne Silhouette. Der Ausschnitt ist mit silbernen Steinchen besetzt.“ Ich frage: „Zweimal getragen?“ Sie nickt, langsam. „Das zweite Mal war vor ein paar Monaten. Ein Krimidinner.

Ich spielte eine Schauspielerin. Mein Mann war fremdgegangen. Im Spiel war er tot. Ich war die Mörderin im schwarzen Kleid.“ Sie lächelt. Das Lächeln ist anders jetzt. Offener, weicher, als gefiele ihr die Erinnerung. Ich stelle mir vor, wie sie dasteht, im schwarzen Kleid, die Lichter auf ihrer Haut, die Steine am Halsausschnitt glitzern wie kleine Sterne in Bewegung. Das Kleid schmiegt sich an sie, wie ein Gedanke, der sich nicht abschütteln lässt. „Passte es noch?“, frage ich. Sie sieht mich an, mit diesem Blick, in dem etwas lauert, das mehr war als Antwort. Dann nickt sie. „Besser als damals“, sagt sie leise.

Bernd Oertwig.
Bernd Oertwig.

Einen Moment schweigt sie, spielt mit dem Löffel, dreht ihn zwischen den Fingern, als müsse sie sich vergewissern, dass sie hier ist, in diesem Café, und nicht irgendwo in der Erinnerung. „Ich habe nie verstanden“, sagt sie schließlich, „warum ich in Schwarz geheiratet habe. Damals fand ich es einfach chic. Jetzt denke ich, es war richtig. Es war ehrlich.“ Ihre Stimme klingt fast heiter. Aber unter der Ruhe liegt etwas. Die Ahnung eines Schmerzes, der alt ist und sich weigert, ganz zu verschwinden. „Und das Kleid?“, frage ich. „Es hängt noch“, sagt sie. „Ich kontrolliere jeden Tag, ob jemand sich meldet.

Und wenn es jemand kauft, werde ich es vielleicht doch nicht verschicken.“ Sie lacht leise, und in diesem Lachen liegt Wärme, aber auch Trotz. Draußen hat der Regen aufgehört. Die Luft ist klar geworden, die Menschen an den Tischen zahlen. Nur wir bleiben sitzen. Sie rückt ihre Tasche zurecht, nimmt die Tasse, trinkt den letzten Schluck. Sie legt Geld auf den Tisch, mehr als nötig ist. „Ich sollte gehen“, sagt sie. Ich nicke. Als sie aufsteht, streift ihr Mantel leicht meinen Arm. Nur ein kurzer, flüchtiger Kontakt, aber er bleibt nach. Sie sieht mich an, mit einem Blick, der nichts verspricht, aber andeutet.

Die Tür schließt sich hinter ihr. Ein Rest ihres Parfüms bleibt zurück. Dunkel, schwer, mit einem Nachklang von Vanille und etwas Bitterem. Draußen spiegelt sich ihr Schatten im nassen Asphalt, bevor er mit den Schritten der anderen Menschen vergeht. Das schwarze Kleid würde vielleicht nie verkauft werden. Manche Dinge gehören nicht in fremde Hände.