„Spieglein an der Wand“, murmele ich, „wer hat den strammsten Bauch im Land?“ Der Spiegel kichert. Ich schwöre: Er kichert! „Nicht du“, sagt er. „Du neigst zu … hm … sagen wir … majestätischer Pracht.“ Ich ziehe den Bauch ein. „Besser?“ „Nur, wenn du’s hältst. Bis Ostern.“ Ich fliehe ins Schlafzimmer. Man muss seine Gegner nicht unnötig provozieren. Wir sind in der angesagtesten Smoothie-Bar Schönebergs verabredet: Home of Green Queen. Klingt wie kalter Spinat in Glasform mit Hipster-Aufschlag. Der Laden riecht nach frisch gemixter Tugend.
Lampen funzeln in recycelten Einmachgläsern, dazu serviert der DJ meditative Elektronik in halber Geschwindigkeit. Gila sitzt bereits auf der gepolsterten Eckbank. Sie trägt die Miene einer Frau, die seit Dezember konsequent auf Wasserfasten und moralische Überlegenheit setzt. „Ich hab’s geschafft“, sagt sie. „Sieben Wochen ohne Alkohol, Zucker und Netflix.“ „Und wie fühlst du dich?“ „Leer, sauber … hysterisch. Ich weine jetzt klarer.“ Sie schlürft den Rest von etwas Grünem, das aussieht, als wäre es gestern noch ein Parkrasen gewesen.
Ich höre, wie sie ins Glas flüstert: „Kannst du dich nicht mir zuliebe in ein freundliches Bier verwandeln?“ Susi schlägt auf. Ihr Blick ist eine Mischung aus Stolz und Phantomschmerz. „Ich habe gezählt“, sagt sie, kaum dass sie sitzt. „Kalorien?“, frage ich. „Geld! Dreitausend Euro! Bei mir im Schrank lagert Textil gewordener Optimismus für dreitausend Euro. Alles zwei Nummern zu klein gekauft.“ Gila prustet in ihren Smoothie. „Dreitausend?! Das ist eine Kreuzfahrt!“ Susi nickt. „Genau. Nur dass ich, statt an Bord zu gehen, täglich an meinem Kleiderschrank scheitere. Alles hängt da. Sauber. Gebügelt.
Designerstücke. Ein Museum gescheiterter Absichten.“ „Motivationskleidung?“, frage ich. „Lauter bunte Vorwürfe auf Bügeln.“ „Verkaufen?“ „Bringt nichts. Der Markt für Träume in Größe 38 ist gesättigt.“ „Spenden?“ „Dann trägt jemand anders meine Reue. Ist das christlich?“ „Eher modisch-ökumenisch.“ Gila tippt gegen ihr leeres Glas. „Ich finde, Askese ist sexy.“ Susi zieht eine Augenbraue hoch. „Ach ja?

Mein Freund sagt, ich sei aktuell nicht sexy, sondern gefährlich – wie ein Reh mit Reizdarmsyndrom.“ Zwei Tische weiter sitzt ein Mann, dessen dicke Hornbrille im hageren Gesicht glänzt wie seine schwarzen Lackstiefel. Er trägt ein Shirt mit der Aufschrift „Keto ist kein Glaube, sondern ein Lifestyle“. Sein Date – Typ Veganistin oder Astrophysikerin – stochert lieblos in einem Chlorella-Slush. „Ich habe letztens achtundvierzig Stunden nur geatmet“, sagt sie. „Und, bringt’s was?“ „Ich denke klarer.“ „Wahrscheinlich der Sauerstoffschock.“ Der Kellner tänzelt mit unserem Nachschub an den Tisch.
Drei gequirlte Säfte in Ampelfarben. Wir starren einen Moment auf die Gläser, in denen die pure Gesundheit schwimmt, fein püriert mit Algen und Moral. „Auf die Hoffnung!“, sage ich. „Und auf die Elastizität!“, ergänzt Susi. Gila nickt: „Und vergessen wir die fernen Biere nicht.“ Später, zu Hause, spricht der Spiegel wieder. „Und? Wie lief die Selbsthilfe in Flüssigform?“ „Wir haben beschlossen: Erfolg wird überbewertet. Charme zählt mehr als der BMI.“ „Das erklär mal deiner Jeans.“ „Die Jeans versteht keinen Humor“, sage ich. Ich gönne mir ein Glas Rotwein. Bio, versteht sich.
„Prost, auf die Frühlingstauglichen“, flüstere ich. Der Spiegel reflektiert das Rot und schweigt. Vermutlich lächelt er gerade milde.
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