Zur Jahrtausendwende wohnte Shelly Kupferberg auf der Roten Insel in Schöneberg und begegnete dort hin und wieder einer alten, freundlichen Frau in zerschlissener Kleidung, von der das Gerücht umging, dass sie Besitzerin des Mietshauses sei, in dem sie selbst wohnte. Nun hat die Autorin die Lebensgeschichte dieser Frau anhand von Archivmaterial und Zeitzeugengesprächen recherchiert und in einem warmherzigen Roman verdichtet. Die junge Kontoristin Martha E. wird in den 1920er-Jahren Hausbesorgerin in dem respektablen Mietshaus der jüdischen Familie Berkowitz. Sie hält das Treppenhaus rein, treibt die Miete ein, kümmert sich um kleine Reparaturarbeiten und zunehmend auch um Liane, die Stieftochter des Hausbesitzers, der sie, selbst kinderlos, zur Ersatzmutter wird. Nachdem die Nationalsozialisten die Macht übernommen hatten, leistete sie mit resoluter Selbstverständlichkeit Widerstand im Alltag, nahm die jüdische Bewohnerin mit in den Luftschutzkeller, fuhr der regimetreuen Nachbarin über den Mund und setzte sich bis zur Verzweiflung für die heranwachsende Liane ein, als sie in den Mühlen der NS-Willkür zermahlen wird. Zum Dank für ihren loyalen Einsatz soll ihr nach dem Krieg das Haus überschrieben worden sein, ein Umstand, zu dem sie zeitlebens schwieg – eine stille Heldin, die in diesem Roman eine späte, eindrucksvolle Würdigung erfährt.